Das erste Kind

Elternschaft bedeutet neue Entwicklungsaufgaben. Dabei geht es nicht nur darum, dem Kind Vorbild zu sein und ihm die Welt zu erschließen, sondern ebenso um die Bewältigung der eigenen Kindheit.

Keine Phase in der Partnerschaft bringt so viele Veränderungen mit sich wie die Geburt des ersten Kindes: "Wir hatten lange auf die Schwangerschaft gewartet und waren außer uns vor Freude, als klar war, dass es endlich eingeschlagen hatte. Die Zeit bis zur Entbindung war für Eva und mich eine der glücklichsten in unserem Leben. Später dann, zu dritt, waren wir uns sicher, würde alles noch schöner sein."

Als David dann aber da war, schlug die große anfängliche Begeisterung des frischgebackenen Vaters zu dessen Befremden schnell um: "Plötzlich hatte sich die Situation gegen mich gewandt. Eva und der Kleine waren so eng miteinander verbunden, aber zwischen ihr und mir war es nicht mehr so wie früher. Wenn wir uns nahe kamen, schien sie immer mit einem Ohr auf das Baby zu hören. Von jetzt an konnten wir nicht mehr miteinander allein sein."

Auch Eva S. spürte die Veränderung: "Mir war dieses kleine Wesen so unendlich wichtig, wie noch nie jemand in meinem Leben. Ich stillte den Kleinen, und das war jedes Mal eine wunderbare Erfahrung der Harmonie. Natürlich war ich am Anfang noch ein wenig erschöpft von den letzten Wochen der Schwangerschaft - das war schon ziemlich anstrengend mit dem großen Bauch - und von der Entbindung. Manchmal war es mir einfach zuviel, wenn ich das Gefühl hatte, dass Andreas immer irgendwie wartete, dass er auch seinen Anteil abbekam. Ich habe damals oft Kopfschmerzen vorgeschützt, um für mich zu bleiben." Nach einigen Monaten empfanden die beiden ihre Beziehung als schwer angeschlagen. Andreas hatte Erektionsschwierigkeiten, was ihm noch nie zuvor passiert war. Eva hatte das Gefühl, viel zu wenig Unterstützung von ihm zu bekommen und fühlte sich im Stich gelassen. Sie wandten sich an einen Psychologen.


Energien bewusst einsetzen
Die Lage hätte sich wahrscheinlich nicht so zugespitzt, wenn den beiden von vornherein bewusster gewesen wären, was mit dem Kind auf sie zukam. Frauen beispielsweise gehen manchmal so in ihrem Muttertrieb auf, dass sie all ihre Energie auf das Kind konzentrieren und darüber den Partner vernachlässigen. Männer können sich von der naturgemäßen Zweisamkeit von Mutter und Kind vor den Kopf gestoßen fühlen, in unbewusster Erinnerung an ein längst vergessenes ödipales Trauma. Die partnerschaftlichen Energien müssen nach der Ankunft des Kindes als Drittem im Bunde neu kanalisiert werden. Wenn die unbewussten Regulationsmechanismen versagen, ist es notwendig, sich mit der Situation auseinanderzusetzen. Statt Kopfschmerzen vorzutäuschen, hätte Eva ihrem Partner erklären müssen, dass sie früher mehr Kraft und Zeit für ihn erübrigen konnte und dass sie jetzt, wo das Kind so klein ist, etwas davon von ihm abziehen muss. Dass sich das aber später, wenn das Kind ein wenig größer ist, ändern wird. Vielleicht hätte er dann nicht gekränkt mit der - unbewussten - Verweigerung von Sexualität reagiert.

Von außen mag es oft so aussehen, als würde der Vater sich nur allzu gern von der Sorge für sein Baby entlasten lassen. In Wahrheit wachen jedoch viele Mütter eifersüchtig über ihre Vorrangstellung gegenüber dem Kind, auch wenn sie sich zugleich einen engagierten Vater wünschen.

Massive Beeinträchtigungen der Beziehungsqualität sind bis zu einem Jahr nach der Geburt und sogar länger die Norm. Je schwieriger das Baby, desto größer die Gefahr ernster Beziehungsprobleme. In allzu engen Paarbeziehungen kann ein Baby aber auch entlastend wirken. Es trennt die aneinander geklammerten Partner, weil diese jetzt die Liebe und Aufmerksamkeit des anderen mit dem Kind teilen müssen und sich nicht mehr so sehr aufeinander konzentrieren können. Gleichzeitig aber verbindet es sie auf einer neuen Ebene, weil das Paar gemeinsam sein Kind umsorgen und schützen kann.


Die eigene Kindheit bewältigen
Elternschaft bedeutet neue Entwicklungsaufgaben. Dabei geht es nicht nur darum, dem Kind Vorbild zu sein und ihm die Welt zu erschließen, sondern ebenso um die Bewältigung der eigenen Kindheit. Bei Andreas S. zum Beispiel wurden längst verdrängte ödipale Erfahrungen wach. Eine Mutter, die ihrem Kind zwiespältige Gefühle entgegenbringt, etwa wenn sie meint, durch das Baby berufliche Nachteile erfahren zu haben, wiederholt nicht selten das, was sich schon zwischen ihrer eigenen Mutter und ihr abspielte. Die Folge können lebenslange Schuldgefühle sein. Es ist gut, sich mit diesen Mechanismen auseinanderzusetzen, damit verhindert wird, dass ein Problem unbewusst von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

Sobald das Kind da ist, müssen die Partner ihren Alltag neu organisieren. Sie müssen sich miteinander darüber auseinandersetzen, wie das Kind erzogen wird, wie jeder von ihnen seine berufliche Zukunft gestalten wird. Sie müssen sich auf ein durch das Kind verändertes Sozialleben einstellen und Wege finden, wie die verschiedenen Omas und Opas, Tanten und Onkel in das nun erweiterte Familienleben eingebunden werden können, ohne zu Störfaktoren zu werden.  


Copyright © 2011 BKK Deutsche Bank AG, Düsseldorf