Die Heilkraft der Psyche
Jahrhundertelang galten in den westlichen Wissenschaften Leib und Seele des Menschen als getrennte, unabhängige Einheiten. Die unter Ganzheitsmedizinern und Psychologen ebenso wie unter aufgeschlossenen Laien verbreitete Ahnung, dass bei zuviel Ärger, Hektik, Trauer und zermürbendem Streit bald einmal der Hals kratzt und die Nase läuft, konnte streng naturwissenschaftlich nicht belegt werden.
Das neue, interdisziplinäre Forschungsgebiet der Psychoneuroimmunologie (PNI) hat neue Voraussetzungen geschaffen. Sie bedient sich exakter naturwissenschaftlicher Methoden: PNI-Forscher analysieren Blut, Speichel und Gewebeproben und machen die Kommunikation zwischen Seele und Immunsystem im Elektronenmikroskop sichtbar.
Ihre ausschließlich psychotherapeutisch orientierten Vorfahren waren noch häufig aufs Spekulieren angewiesen. Entsprechend war ihr Stellenwert im schulmedizinischen Betrieb: An den traditionellen Kliniken führten die Psychosomatiker eine Randexistenz.
Doch nun steht die Psychosomatik auf einer naturwissenschaftlichen Grundlage.
Die Haut als Spiegel der Seele
Dem US-Wissenschaftler Georg Murphy etwa gelang 1994 der Nachweis, dass unliebsame Hauterkrankungen wie Akne und Schuppenflechte durch psychische Vorgänge begünstigt werden. Der Dermatologe von der Universität Maryland konnte nicht nur zeigen, wie diese Krankheiten durch spezielle Mastzellen - solche können entzündungsfördernde Substanzen freisetzen - ausgelöst werden. Murphy konnte auch belegen, dass diese Mastzellen von einer Substanz beeinflusst werden, die von Nervenzellen ausgeschieden wird. Akne und Schuppenflechte, so die Folgerung des Forschers, werden also zumindest teilweise von psychischen Vorgängen beeinflusst: Ein Beispiel für eine zunehmende Serie von Forschungsprojekten, die - verwirrend für die traditionelle Schulmedizin - mit naturwissenschaftlichen Methoden die psychosomatischen Zusammenhänge zwischen Seele und Immunsystem belegen und messbar machen.
Seele heilt
Der Nachweis, dass Psychotherapie sogar die Lebenserwartung Krebskranker erhöhen kann, sollte ausgerechnet einem skeptischen Schulmediziner glücken.
Schon lange hatte den Psychiater David Spiegel von der Stanford Universität das "nervende und langweilige Partygeschwätz" irritiert, dass Krebskranke angeblich dann länger leben, wenn sie Psychotherapie machen. Eine Versuchsreihe, so Spiegels Ansinnen, sollte das Gegenteil beweisen.
Untersucht wurden dabei 86 Frauen, deren Brustkrebs bereits Fernmetastasen aufwies. Einmal wöchentlich nahmen die Patientinnen an psychotherapeutischen Gruppensitzungen teil, um Selbsthypnose zwecks Schmerzkontrolle zu lernen. Sie überlebten im Schnitt doppelt so lang wie die Mitglieder der psychotherapeutisch unbehandelten Vergleichsgruppe.
Die Studie, sagt Spiegel heute, habe sein "Denken verändert, was die Kraft emotioneller Zuwendung betrifft".
Auch das traditionell orientierte Fachblatt "Science" lobte die Spiegel-Studie als "ersten wissenschaftlich überzeugenden Nachweis einer Veränderung der Lebenserwartung durch
Psychotherapie".
Nerven kommunizieren mit Immunzellen
Inzwischen ist die PNI-Welle auch nach Europa übergeschwappt. So belegten Forscher der Universität Mainz ihre Vermutung, dass Nerven- und Immunsystem über direkte Verbindungen miteinander kommunizieren könnten. Die Anatomen fanden heraus, dass die lymphatischen Organe - sie sind für die Produktion und Differenzierung von Immunzellen zuständig - mit überraschend vielen sensiblen Nervenfasern ausgestattet sind. Diese übermitteln Informationen aus dem Körper über das Rückenmark ins Gehirn. Projektleiter Eberhard Weihe konnte an Gewebeschnitten zeigen, dass etwa in den Lymphknoten sensible Nervenfasern mit diversen Immunzellen in direkten Kontakt treten: Etwa mit solchen, die die Immunantwort regulieren, und mit entzündungsfördernden Mastzellen.
Doch das Immunsystem verfügt auch über ein zweites, biochemisches Kommunikationssystem, das ohne Nervenfasern auskommt. Informationsträger sind dabei frei zirkulierende Moleküle, die ihre Nachricht zu jeder Körperzelle tragen können, die ein geeignetes Empfangssystem hat: etwa schmerzstillende Endorphine, aber auch Schmerz und Durst auslösende oder appetitstoppende Substanzen. Geist und Bewusstsein, so vermuten Fachleute, drücken sich über solche Botenstoffe im Körper aus.
Stress und Immunsystem
An der University of Ohio testeten die Psychologen Ronald Glaser und Janice Kiecolt-Glaser den körperlichen Tribut, den eine Medizin-Prüfung von den Kandidaten forderte. Das Resultat: Der Stress senkte den Spiegel der Antikörper und die Aktivität der natürlichen Killerzellen. Ein Effekt, der einen ganzen Monat andauerte.
Außerdem hemmte der Prüfungsstress nicht nur die Produktion von Interferon und Interleukin: Substanzen, die Killerzellen zu stärkerer Aktivität anregen und auch bei der Krebsabwehr eine wichtige Rolle spielen. Bei vielen Studenten wurden auch schlummernde Herpesviren aktiviert - am stärksten bei jenen, die sich selbst als "einsam" bezeichneten.
An der New York Medical School untersuchte ein Forscherteam die körperliche Widerstandsfähigkeit von Männern, deren Frauen an fortgeschrittenem Brustkrebs litten. Resultat: Solange die Untersuchten den Kranken beistanden, blieb ihr Immunsystem intakt. Doch etwa zwei Wochen nach dem Tod der Partnerin ließen sich die Antikörper produzierenden Lymphozyten der Männer nur noch sehr eingeschränkt durch Substanzen stimulieren, die unter normalen Bedingungen die Zellteilung der weißen Blutkörperchen anregen.
Depressionen, so die differenzierende Schlussfolgerung der Forscher, lähmen - anders als etwa Angst oder Aggression - die Abwehr umso stärker, je intensiver sie sind.
Auch das körpereigene Cortisol wird von seelischen Zuständen beeinflusst. Dieses Hormon, das bei Angst und sonstigen psychischen Belastungen von der Nebenniere verstärkt ausgeschüttet wird, kann die Immunfunktionen hemmen. Steht man seinen Problemen hilflos gegenüber - die PNI-Leute nennen das "Kontrollverlust" - so wird die Cortisol-Produktion weiter gesteigert.
Dabei kommt es durchaus darauf an, welcher Art der Stress ist. Denn die Immunwerte können unter Stress durchaus auch ansteigen. Die Abteilung für Innere Medizin an der Universität in Hannover etwa zapfte gestressten Fallschirmspringern vor dem Flug und nach der Landung Blut ab. Die kurzfristige Belastung hatte bei etwa zwei Drittel der Fallschirmspringer die körpereigenen Killerzellen regelrecht aufgeputscht.
Gesund werden mit Stress-Management
Beim Menschen geht es darum, seelische Anspannung mittels Stress-Management, autogenem Training und meditativer Techniken abzubauen. Der Erfolg kann dabei durchaus spektakulär sein: Das Forscherpaar Kiecolt-Glaser etwa forderte von einer Studentengruppe an der University of Ohio an vier aufeinanderfolgenden Tagen die Vorkommnisse niederzuschreiben, die sie in ihrem Leben "am meisten verstört" hatten. Eine Kontrollgruppe behandelte irgendwelche Allerweltsthemen.
Diese hatte bei den anschließenden Bluttests deutlich schlechtere Immunwerte als die Studenten der Gruppe, die sich zuvor schreiberisch entlastet hatte.
Psychosomatiker hatten freilich dem Immunsystem schon immer eine gewisse Lernfähigkeit zugetraut. Der Düsseldorfer Universität liegen jetzt Forschungsergebnisse vor, die für eine positive Konditionierbarkeit der Abwehr sprechen. Ratten mit Gelenksentzündungen erhielten häufig Zuckerwasser zu trinken, gleichzeitig bekamen sie ein entzündungshemmendes, schmerzstillendes Präparat gespritzt. Nach Abschluss des Trainingsprogramms reichte bereits das Trinken von Zuckerwasser aus, um eine Abschwellung der Gelenke hervorzurufen.
Resultate, die sich kürzlich von Psycho-Biologen bei Versuchen an Menschen erhärten ließen.