Hysterie

Die Hysterie entsteht als Folge einer missglückten Verdrängung infantiler sexueller Wünsche. Der Inhalt dieser frühen Wunschphantasien kommt in den sichtbaren Symptomen, die sehr vielfältig sein können, zum Ausdruck. Der Körper oder Teile des Körpers können dem verdrängten sexuellen Konflikt zur Darstellung dienen (z.B. Lähmungserscheinungen, Seh-, Geh-, Gleichgewichtsstörungen etc.). Im Alltagsleben drängen sich Hysteriker gerne in den Mittelpunkt, sie wirken oft gespannt, theatralisch, unecht. Im zwischenmenschlichen Kontakt verhalten sie sich sehr verführerisch, fürchten sich aber gleichzeitig vor den realen Konsequenzen ihrer Verführungskunst.


Hysterische Persönlichkeit
Der Begriff hysterische Persönlichkeit wurde in der Fachsprache zum Teil durch den unbekannteren "histrionische Persönlichkeit" abgelöst, weil die Bezeichnung Hysterie im Alltagsgebrauch nach und nach zu einem Schimpfwort für lügenhafte, betrügerische Menschen verkommen ist. Die Beschreibung histrionische = charakterneurotisch) deckt sich allerdings weitgehend mit jenen Vorurteilen, die dazu geführt haben, dass man auf den guten alten Begriff der "Hysterie" verzichtet hat. Auch lassen sich hysterische Patienten mit dem Begriff histrionisch nur sehr unzulänglich beschreiben.

Die hysterische Persönlichkeit bürgt für geballte Dramatik. Theatralisches Verhalten und übertriebener Gefühlsausdruck, Geltungssucht und der Wunsch, sich überall in den Mittelpunkt zu drängen, sind wesentliche Elemente der hysterischen Selbstinszenierung. Das Ziel, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und "Everybodys Darling" zu sein, wird um jeden Preis angestrebt - sei es auch mit Hilfe abnormen Verhaltens. Dabei kommt hysterischen Menschen ihre lebhafte Phantasie und ihre ausgeprägte Begabung zu effektvoller Darstellung zu Hilfe: exaltiertes Auftreten, Renommieren, Kokettieren, demonstratives Leiden und jede andere Möglichkeit, die Aufmerksamkeit der Umwelt zu erregen, Bewunderung oder Mitleid auf sich zu ziehen.

Neben der Geltungssucht besteht auch eine Erlebnissucht. Beide Verhaltensweisen sind als Kompensationsvorgänge aus einer von diesen Menschen selbst empfundenen Unzulänglichkeit der Persönlichkeit abzuleiten. In ihren Erlebnismöglichkeiten sind sie unzureichend ausgestattet, ohne sich damit abfinden zu können. In Geltungssucht und Erlebnissucht kommt die Tendenz zum Ausdruck, vor der Umwelt und vor allem vor sich selbst ein Wunschbild der eigenen Persönlichkeit aufzubauen, wodurch der Eindruck des Unechten entsteht. Das Verhalten von Personen mit einer hysterischen Persönlichkeitsstörung wirkt übertrieben und sie reagieren auch bei geringen Anlässen sehr emotional, wobei die Emotionen aber flach und gekünstelt wirken. Gleichzeitig sind Hysteriker auch sehr egozentrisch und auf ihren unmittelbaren Vorteil bedacht. Sie leiden unter einer geringen Spannungs- und Frustrationstoleranz, mangelnder Impulskontrolle (gepaart mit der Unfähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben) und einer starken Neigung sich in Beziehungen abhängig zu machen. Aufgrund ihres negativen Selbstbildes idealisieren sie vor allem Menschen, von denen sie geringgeschätzt werden.


Konversionshysterie
Die Symptome, durch die sich eine Konversionshysterie in Krisensituationen äußert, sind vielgestaltig; es handelt sich bevorzugt um "hysterische Reaktionen", die unter dem Begriff "Konversionsstörung" zusammengefasst werden. Bei einer Konversionsstörung kommt es zu einem Verlust oder zu einer Veränderung körperlicher Funktionen, ohne dass sich diese Funktionsänderung durch medizinische Befunde als Folge einer körperlichen Krankheit begründen ließe. Der Begriff Konversion ist durch die Annahme der Psychoanalyse begründet, dass bei dieser Störung innerseelische Konflikte in körperlichen Symptomen ausgedrückt bzw. in solche umgewandelt werden. Die Störung wird teilweise noch hysterische Neurose genannt. Die Symptome können die verschiedensten körperlichen Krankheiten nachahmen.

Am häufigsten sind Symptome, die zunächst eine neurologische Ursache nahe legen. Typisch sind Stimmverlust, Lähmung bestimmter Körperteile (vornehmlich der Extremitäten), Bewegungsunfähigkeit, Koordinationsstörungen, Blindheit oder Sehstörungen wie Einschränkung des Gesichtsfeldes (Tunnelgefühl). Auch Schmerzzustände können in allen möglichen Körperregionen beschrieben werden, insbesondere Kopfschmerzen und Bauchschmerzen. Ein Beispiel: Ein Patient litt an Hodenschmerzen. Auffällig war, dass die Schmerzen nicht nur in ihrer Ausprägung stark variierten, sondern auch abwechselnd einmal mehr den rechten, dann wieder den linken Hoden betrafen. Seine Lebensgefährtin beschrieb er als eine eher spröde, fordernde, sexuell frustrierende Frau. Nach einem Geschlechtsverkehr mit ihr verspürte er die Schmerzen meist besonders intensiv. Er beklagte sich darüber, dass seine Freundin ihn beim Sex uneinfühlsam am Genitale anfasse und beim Geschlechtsverkehr zu wenig Rücksicht auf seine Schmerzen nähme. Er war davon überzeugt, dass der Sex mit ihr für ihn schädlich sei.

Die Anamnese ergab, dass er im Vorschulalter von der Mutter zu Turnübungen gezwungen wurde, die ihm einen Hodenbruch und in der Folge mehrere schmerzhafte Operationen eintrugen. Die hochgradige Ambivalenz, die er seither (auch aus anderen Gründen) für seine Mutter empfand, führte bei ihm zur Ausbildung der Symptomatik. Seinen unterschwelligen Groll übertrug er unbewusst auf die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin. Das Schmerzsymptom war bald ein Äquivalent für unausgesprochene Aggressionen und Vorwürfe ihr gegenüber, die er als genauso herrschsüchtig und dominant einstufte wie seine Mutter. Als er als Folge der Therapie in der Lage war, sich von ihr zu trennen und eine neue, befriedigendere Partnerschaft einzugehen, verschwanden die Schmerzen allmählich. Als ein besonderes Merkmal der Konversionsstörung wird häufig eine auffällige Gleichmütigkeit bzw. ein Mangel an Betroffenheit durch die Symptome und deren Folgen erwähnt (la belle indifference).


Rat und Hilfe
Meist tritt die Störung im frühen Erwachsenenalter zum ersten Mal auf. Sie hat eine starke Tendenz, zu einem chronischen Leiden zu werden. Fälle mit einer guten Prognose scheinen durch einen akuten Beginn der Störung und das Fehlen zusätzlicher Krankheiten sowie anderer psychischer Beschwerden gekennzeichnet zu sein. Zu Beginn der Therapie ist zu entscheiden, ob zuerst eine symptomgerichtete oder konfliktzentrierte Behandlung indiziert ist. Während in der psychoanalytischen Therapie ein Bewusstwerden der zugrunde liegenden Konflikte angestrebt wird, versuchen verhaltenstherapeutische Ansätze auf verschiedene Weise den Patienten wieder eine Kontrolle über die beeinträchtigten Funktionen zu ermöglichen (z.B. durch Feedbackverfahren). Aufgrund der Neigung hysterischer Persönlichkeiten, ihre Konflikte auch innerhalb der Therapie auszuagieren, eignen sich für die Behandlung nur Therapeuten, die ihre Gegenübertragung gut kontrollieren können und auf das provokante Spiel der Hysterie nicht einsteigen. Vor allem bei unklarer Symptomlage empfiehlt sich ein psychoanalytischer Ansatz. 


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