In Freundschaft scheiden
Eine Scheidung oder die Trennung einer langjährigen Beziehung ist für alle Beteiligten - Partner wie Kinder - eine schwierige Erfahrung. Sie bedeutet den Verlust der gewohnten familiären Struktur. Auf der Seite der Kinder Trauer über die Abwesenheit eines Elternteils, auf der Seite des nicht-sorgeberechtigten Elternteils Sehnsucht nach den Kindern. Weiter sind damit verbunden Wohnungswechsel, finanzielle Einschränkungen und, für die Mutter, falls sie nicht ohnedies berufstätig war, die Notwendigkeit eine Stelle zu finden und sich auf die Doppelbelastung einzustellen. Zugleich kommt der soziale Rückhalt ins Wanken, da der gemeinsame Freundes- und Bekanntenkreis an das Paar als Einheit gewöhnt ist und nicht an zwei Einzelpersonen, die sich womöglich nicht mehr verstehen. Frauen sind davon besonders stark betroffen, wenn sie sich stark auf den Bekanntenkreis des Mannes eingelassen haben und wenig andere Kontakte gepflegt haben. Damit bedeutet das Ende der Beziehung zum Mann auch das Ende vieler anderer sozialer Beziehungen: Die Angst vor der drohenden Isolation ist dann besonders groß.
Ambivalenzphase
Eine Trennung birgt viele Herausforderungen und wem es gelingt, gut mit ihnen umzugehen, dem gelingt auch die emotionale Verarbeitung der Veränderungen schneller.
Drei Phasen sind zu durchlaufen bevor der Trennungsprozess abgeschlossen ist. Wer sich allzu schnell wieder in eine neue Beziehung stürzt, läuft Gefahr unbewältigte Konflikte aus der alten Partnerschaft mitzunehmen. Aber auch dem Trennungsschmerz zu sehr nachgeben kann Folgen haben: Die Negativität färbt auf die Persönlichkeit ab, die Lebensfreude schwindet und Barrieren werden aufgebaut gegen neue Liebesbeziehungen.
Die Trennung einer längeren Partnerschaft verläuft in drei Phasen: Der Ambivalenzphase, der Scheidungsphase und der Nachscheidungsphase.
In der Ambivalenzphase tragen sich die Partner mit dem Gedanken an Trennung. Zugleich haben sie aber immer noch Hoffnung, dass die Beziehung doch noch zu retten sei. In dieser Zeit wechseln Lösungsversuche und Trennungsanläufe einander ab. Oft fallen die Partner auf frühere Entwicklungsstufen zurück und verhalten sich wie enttäuschte, fordernde und anklagende Kinder. Für ihre eigenen Kinder bringen sie zu wenig Kraft auf und können ihnen nicht die erforderliche Sicherheit und Zuwendung schenken. In vielen Fällen wird der Nachwuchs jetzt in die Verstrickung der Eltern hineingezogen. Die Kinder ergreifen Partei für den einen oder anderen Elternteil, versuchen diesen zu schützen und zu trösten und das Gleichgewicht in der Familie wiederherzustellen. An diesem Punkt kann es sein, dass ein Kind (wieder) mit dem Bettnässen beginnt, eine Essstörung entwickelt oder Schulprobleme bekommt oder drogensüchtig wird, um die Eltern durch die gemeinsame Sorge aneinanderzuschweißen. In der Zeit der Ambivalenz, wo vieles die Partner noch verbindet, besteht noch eine Chance um die Beziehung, eventuell mit professioneller Hilfe, doch noch zu retten.
Trennungsphase
Wenn dann die ersten offiziellen Trennungsschritte getan werden, beginnt die Scheidungsphase. In dem Augenblick, wo etwa ein Anwalt eingeschaltet wird, beginnt die Lage emotional sehr kritisch zu werden. Jetzt kann die Enttäuschung die Partner dazu bringen, alles Verbindende und miteinander Geschaffene abzuwerten und kaputtzumachen. Dadurch scheint der drohende Verlust zunächst leichter zu ertragen. Doch zerstören sie damit auch die Teile ihrer eigenen Identität, die an das gemeinsam Aufgebaute gebunden sind. Plötzlich tritt das Materielle in den Vordergrund. Die Versuchung ist groß, um jeden Topf und jedes Leintuch zu streiten. Ein solcher Kampf über die Aufteilung der Güter dreht sich freilich in Wahrheit um ganz andere Werte: Um das gemeinsam aus Liebe, Zuwendung, Arbeit, Trost, Freundschaft, gemeinsamen Erinnerungen und Projekten, Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten aufgebaute Beziehungsgebäude. Doch wäre es sinnlos, sich darum zu raufen. Zu viele Verstrebungen laufen durch alle Teile, als dass es sich in zwei Hälften spalten ließe.
Darüber werden sehr leicht die Bedürfnisse der von der Trennung am fundamentalsten Betroffenen, der gemeinsamen Kinder, aus den Augen verloren. Auch sie werden zum Streitobjekt.
Seelische Verarbeitung
Wenn dann endlich die Scheidungsurkunde ausgefertigt ist und die Haushalte getrennt sind, beginnt die Nachscheidungsphase, die so lange dauert bis die Trennung psychisch verarbeitet ist. Trauer und Abschied müssen zugelassen und durchlebt, neue Ziele definiert und verfolgt werden. Wenn das Paar gemeinsame Kinder hat, kann die Familie in Wahrheit nie getrennt werden, denn die Verbindung durch die Kinder bleibt bestehen. Die Familie wird lediglich umorganisiert und funktioniert nach neuen Regeln weiter. Selbst wenn ein Elternteil sich ganz zurückzieht, kann er dieser Tatsache nicht ausweichen: Die Bindung macht sich durch bewusste oder verdrängte Schuldgefühle in seinem Leben bemerkbar.
Wenn einer der beiden Partner eine neue Beziehung beginnt, kann es sein, dass beim anderen eine schwere Krise von Verlassenheit, Wut und Enttäuschung ausbricht. Der frühere Partner kann wenig tun um dabei zu helfen, denn er ist ja Teil der Krise. Nötigenfalls kann er oder sie Unterstützung durch Familienangehörige, Freunde oder auch einen Therapeuten mobilisieren.
Da eine langjährige Beziehung durch das gemeinsame Leben und die gemeinsamen Projekte die Identität beider Partner grundlegend formt, kann es für das weitere Leben aller Beteiligten sehr hilfreich sein, wenn viele Beziehungsanteile intakt erhalten werden können. Es ist wie bei einem Brand: Wenn es gelingt, das Feuer unter Kontrolle zu halten, bleibt auch nachher noch so viel übrig, dass mit diesen Teilen wieder Neues gebaut und eingerichtet werden kann.
Damit das Zerstörungswerk, zu dem der mit Trennung unweigerlich verbundene Aufruhr der Emotionen verleitet, eingedämmt werden kann, ist es notwendig, dass der Partner, der die Beziehung vielleicht nicht beenden möchte, den Entschluss des anderen akzeptiert. Beide Partner sollten einander in der Trennungsphase respektvoll begegnen und versuchen die Emotionen nicht noch zu schüren. Auch Erinnerungen sollten in dieser Phase nicht beschworen werden. Jeder muss lernen, sich von anderen Menschen Trost und Unterstützung zu holen. So kann es gelingen, zur optimalen Bewältigung der Situation zusammenzuarbeiten. Ganz besonders profitieren davon die von der Trennung am allertiefsten betroffenen Kinder.
Mediation
Statt das gemeinsame Leben mit Mitteln der Konfrontation auseinanderzudividieren, kann es sinnvoll sein, sich via Mediation zu einigen. Zunehmend findet dieser Zugang auch bei uns Anklang, nachdem er in den USA und Kanada schon seit längerem mit großem Erfolg zur Lösung von Scheidungsproblemen praktiziert wird. Es handelt sich dabei um ein freiwilliges, vom Gericht unabhängige Verfahren, bei dem die Scheidungswilligen unter dem Beistand eines neutralen Vermittlers gegensätzliche Standpunkte austauschen und ihre Konfliktpunkte offenlegen.
Der Mediator - ob Anwalt oder Psychotherapeut - hilft, Struktur in den manchmal undurchdringlich scheinenden Wust aus unterschiedlichen Interessen, gegenseitigen Vorwürfen und verletzten Gefühlen zu bringen und im gemeinsamen Gespräch Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Am Schluss des Prozesses sollte ein einvernehmliches und eigenverantwortliches Ergebnis stehen, das eine positive Beziehung zwischen den einstigen Partnern auch in der Zukunft möglich macht.
Energie generieren
Die Zeit, in der eine Trennung stattfindet und verarbeitet werden muss, zehrt an den Kräften. Spannungen müssen ausgehalten, Konflikte ausgetragen, die Selbstbeherrschung und klares Denken bewahrt werden. Statt wie bisher im Austausch und verstärkt durch den anderen muss jetzt jeder allein planen und Vertrauen in eine positive Zukunft aufbringen.
Daher ist es enorm wichtig, alle verfügbaren Kraftquellen anzuzapfen und möglichst viele neue zu erschließen. Sehr viel Energie lässt sich aus der Planung, wie das neue Leben denn aussehen soll, gewinnen. Jeder hat in der Partnerschaft Wünsche zurückgestellt, die jetzt möglicherweise realisierbar geworden sind. Eine berufliche Neuorientierung, der Erwerb einer Zusatzqualifikation, eine bestimmte Art des Wohnens oder der Freizeitgestaltung - all das sind neue Inhalte, mit denen sich die Partner-Lücke ausfüllen lässt. All das braucht nicht von einem Tag auf den anderen zu geschehen. Auch wenn nach der gewohnten Etabliertheit des Ehelebens der Zustand der Unfertigkeit die Geduld eines jeden mit sich selbst auf eine harte Probe stellt. Wichtig ist die Erkenntnis, fortan frei zu sein, sein Leben nach den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen zu gestalten und für das Folgende die Verantwortung zu übernehmen.
Alte Freundschaften aktivieren und neue schließen, sich pflegen, Sport oder viel Bewegung an der frischen Luft machen, Ausflüge, nicht zu viel allein sein und jede verfügbare Hilfe, auch beim Kinderhüten, akzeptieren, sind Kraftquellen. In sozialen Kontakten sollte strikt darauf geachtet werden, dass einem die Leute guttun, und nicht Energie abzapfen, indem sie nur über sich selbst sprechen oder einen zur eigenen Selbsterhöhung missbrauchen.
Es kann sehr viel bringen, sich in so einer Zeit der Neuorientierung einen Coach zu nehmen, das heißt, jemanden, der professionell darauf spezialisiert ist, Menschen auf ihrem Entwicklungs- und Erfolgsweg zu trainieren. Ein Coach fördert die Fähigkeiten seines Klienten und inspiriert und motiviert ihn, seine Wünsche und Visionen zu formulieren und erfolgreich zu realisieren. Zwar kann ein Coaching mehrere Monate bis Jahre dauern, doch gibt ein guter Trainer seinem Schützling enorm viel Energie.
Auch Vorträge, Seminare und Workshops können sehr nützliche Instrumente sein, um sich weiterzuentwickeln und seine inneren Kräfte zu entfalten. Doch ist es bei all diesen Dingen wichtig, auf die Qualität des Angebotenen zu achten, und die hat ihren Preis.
Geldsorgen
Die Finanzierung des neuen Lebens ist in vielen Fällen ein Problem. Zum einen hilft es, neue Prioritäten zu setzen. Vielleicht ist es möglich, auf das Auto zu verzichten, aber nicht auf die Zugehfrau. Oder statt der gewohnten Urlaubsreise ins Ausland Ferien zu Hause zu machen. Auch der Verzicht auf teure Marken bei der Bekleidung und beim Essen kann einige Ersparnisse bringen. Auch am Geigen- oder Eislaufunterricht der Kinder kann gespart werden, falls ohnedies nie große Begeisterung dafür da war. Vorübergehende Einschränkungen, die es möglich machen, sich im neuen Leben besser einzurichten, sind gut angelegtes Kapital. Schulden sollten möglichst vermieden werden, denn die Rückzahlungspflichten verlängern die Periode der Knappheit.
Wenn finanzielle Hilfe von den Eltern angeboten wird, so ist es wichtig, ihnen klar zu machen, dass damit keine Bedingungen an die eigene Lebensgestaltung verbunden sein dürfen. Denn das oberste Ziel des neuen Lebens ist: selbständig und ohne Einmischung von Seiten anderer Menschen zu agieren.
Wenn beide Partner sich in ihrer neuen Lebensphase zurecht- und ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden haben, so stehen nach guter Bewältigung der Trennungskrise neue Beziehungsvarianten offen - als Freunde und aktiv involvierte, kooperierende Eltern der gemeinsamen Kinder.