Zu wenig Gelegenheit zur Intimität

"Kaum hatten wir das Licht abgedreht, stand auch schon unsere Jüngste mitten im Zimmer und forderte ihren Platz in unserer Mitte. 10 Jahre und eine Familientherapie hat es gebraucht, bis wir sie aus dem Bett bekamen."

Wenn auch nicht immer ganz so extrem wie Anna und Georg K., so stellt sich bei Paaren, die schon länger zusammen sind, vielfach ein Mangel an Gelegenheit ein, um ungestört miteinander allein zu sein. Alle möglichen Umstände werden dafür verantwortlich gemacht: Die Kinder, andere Personen aus dem nahen Familienkreis, Arbeitsüberlastung, räumliche Beengtheit oder körperliche Beschwerden.

Das mag zwar alles zutreffen, doch wie ist es zu erklären, dass dasselbe Paar, das einige Jahre zuvor Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hätte, um einander nahe zu sein, sich heute von einem Kleinkind oder durch die Anforderungen eines Jobs dauerhaft daran hindern lässt?


Archaischer Schutz vor Schwangerschaften
Im Fall von Anna und Georg K. schien die Sache nach wenigen Therapiestunden klar: Die drei Kinder waren im knappen Abstand von ein und zwei Jahren zur Welt gekommen. Die jungen Eltern bemühten sich mit vereinten Kräften, Nachwuchs und Beruf unter einen Hut zu bringen. Sie konnten dabei aber nur auf die Hilfe einer Oma zählen, die sich auch nicht in der Lage sah, alle drei Kleinkinder auf einmal abzunehmen. Anna fühlte sich unmittelbar nach den drei Schwangerschaften und Geburten nicht auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit.

In der Therapie zeigte sich, dass Anna unverhältnismäßig große Schwierigkeiten hatte, sich von ihrer Jüngsten zu lösen. Der Grund für die überstarke Bindung: Das jüngste Kind war auch gesundheitlich am anfälligsten und bedurfte daher der größten Zuwendung. So wurde es für die Mutter zu einem idealen Schutzschild gegen eine neue Schwangerschaft, die das Paar und insbesondere die junge Frau hoffnungslos überfordert hätte. Viele Beziehungsprobleme zwischen Männern und Frauen lassen sich darauf zurückführen, dass im menschlichen Gefühlsleben bis heute archaische Impulse wirken. Besonders in kritischen Zeiten drängen sie sich in den Vordergrund und werden verhaltensbestimmend. Moderne Errungenschaften sind in diese uralten Programme nicht integriert. Statt Pille und Spirale operieren sie mit Verhütungsmethoden wie langen Stillzeiten oder starker Mutter-Kind-Bindung. Sind die überholten Beziehungsmechanismen erkannt, lassen sich relativ leicht rationale Gegenstrategien entwickeln.


Verschleierte Abwehr
Andere Situationen, wo Partner sich ständig an Intimität hindern lassen, haben gegenteilige Ursachen. Beispielsweise bei dem Paar, das jahrelang klagt, dass es wegen der zu kleinen Wohnung viel zu wenig Gelegenheit zu intimer Zweisamkeit habe. Als die beiden endlich in eine großzügigere Wohnung wechseln, erkennen sie die bittere Wahrheit: Sie sind füreinander sexuell völlig uninteressant geworden. Dass Paare vor derart einschneidenden Erkenntnissen unbewusst die Augen verschließen, hat meistens gute Gründe - wenn beispielsweise der emotionale Preis einer Scheidung für die gemeinsamen Kinder zu hoch erscheint oder ein Partner von der Fürsorge oder materiellen Unterstützung des anderen abhängig ist.

Dagegen kann Intimitätsverlust in einer symbiotischen Beziehung, wo die Partner sehr aneinander hängen und dabei schon viel von ihrer Eigenständigkeit aufgegeben haben, in Wahrheit eine Abstoßungsreaktion sein. Ein Partner oder beide schaffen sich durch die Distanz Raum für bereichernde Anregungen aus der Außenwelt. Dadurch wird es möglich, die in der Symbiose verschwimmende Individualität neu zu gestalten.

Häufiger Sex sollte in einer Paarbeziehung keine Pflichtübung sein. Solange die Kommunikation über die wesentlichen Dinge des Zusammenlebens für beide Partner ausreichend funktioniert und kein Partner sich langfristig vernachlässigt oder zurückgewiesen fühlt, muss ein Intimitäts-Tief noch kein Anlass zur Sorge sein. Doch kann es sinnvoll sein zu ergründen, warum der Regelmechanismus in der Beziehung sexuell auf Sparflamme geschaltet hat. Dann ist es möglich, rationale Lösungen zu finden, die letzten Endes weniger Leidensdruck verursachen als unbewusste Vermeidungsstrategien.  


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