Die Macht der Hypnose

Hypnose hat sich in letzter Zeit immer mehr in medizinischen Anwendungsgebieten etabliert. So entdeckt etwa die Schulmedizin - nachdem die seit Urzeiten bekannte Methode der Schmerzbekämpfung Mitte des vorigen Jahrhunderts von der Äther-Anästhesie verdrängt worden war - gerade wieder die Vorzüge der hypnotischen Suggestion. Inzwischen versetzen beispielsweise immer mehr Zahnärzte ihre Patienten in einen Trance-ähnlichen Zustand, ehe sie rebellische Zähne und kaputte Wurzeln ziehen.

Auch bei anderen unangenehmen Eingriffen, wie etwa Magenspiegelungen, scheint sich die Hypnose zu bewähren. Statt die Schmerzrezeptoren mit Chemie zu überschütten, schicken Hypnotiker ihre Klienten auf eine "innere Reise". Während der Bohrer die morschen Füllungen abträgt, träumen die Patienten von Spaziergängen am Strand, einer Segelbootfahrt unter blauem Himmel oder einem entspannten Ausritt über sonnengetränkte Felder und Wiesen. Ein schmerzhaftes Erwachen während der Behandlung unter Hypnose soll der Armtest verhindern: Die Patienten müssen sich plastisch vorstellen, dass ihr ausgestreckter Arm von einem Luftballon gehoben wird. Wenn der innere Film reißt, sinkt der Arm - und der Arzt kann rechtzeitig aufhören.


Stärker als Chemie
Wie die Forschungsergebnisse der Wiener Hypnose-Spezialistin Henriette Walter zeigen, kann Hypnose aber noch viel mehr. Auf der Suche nach einem neuen Hypnotisierbarkeitstest träufelte die Wissenschaftlerin ihren Klienten das pupillenerweiternde Atropin-Tollkirschenextrakt in die infolge der Hypnose verengten Pupillen. Bei Personen, die gut auf die Hypnose ansprachen, blieben die Pupillen trotz des Atropins eng.

Damit wurde erstmals bewiesen, daß Hypnose sogar die Wirkung eines Medikaments zu brechen vermag. Da die Verengung der Pupille vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird, denken Forscher nun bereits über viel weiter reichende Einsatzgebiete nach: Möglicherweise, so die Hoffnung, könnten mit Hypnose auch Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen, Hormonstörungen oder gar die Blutzuckerregulation beeinflusst werden.


Die Wirkweise der Suggestion
Dass intensive Suggestion viele körperliche und seelische Beschwerden zum Verschwinden bringen kann, wussten Ärzte schon vor 3000 Jahren. Wie und warum das wiederentdeckte Breitband-Therapeutikum genau wirkt, versuchen Wissenschaftler aber erst in den letzten Jahrzehnten herauszufinden. Zwischenstand der intensiven Forschung: Ganz genau können es selbst Experten immer noch nicht erklären.

Fest steht, dass der von den antiken Griechen als "Tempelschlaf" beschriebene Zustand mit Schlaf nichts zu tun hat. Das EEG Hypnosierter zeigt ein hauptsächlich von Alpha-Wellen dominiertes Muster und entspricht damit dem normalen Wachzustand eines Menschen. Damit lässt sich auch erklären, warum selbst Personen, die sich gerade am Zimmerfahrrad abstrampeln, in Trance versetzt werden können.

Dennoch wurden schon bei leichten Trance-Zuständen Veränderungen im Körper nachgewiesen, die sonst nur bei tiefen Entspannungszuständen beobachtet werden: Die Atemfrequenz nimmt ab, der Blutdruck fällt, die Stresshormone gehen zurück, dafür steigt die Anzahl der für die Immunabwehr wichtigen Lymphozyten. Mit digitalen Scannern, die Gehirnvorgänge sichtbar machen, können Hypnoseforscher heute auf dem Bildschirm verfolgen, wie ihre Suggestionen im Gehirn wirken. So konnte etwa die Österreicherin Henriette Walter am Kölner Max-Planck-Institut mit einem Positronen-Emissions-Tomografen (PET) beweisen, dass die alte Jahrmarktnummer mit dem zwischen zwei Sesseln "schwebenden" Menschen mehr als ein billiger Trick ist. Um die gerade aktiven Nervenzentren sichtbar zu machen, bekamen die Testpersonen vor der Hypnose radioaktive Glucose gespritzt. Tatsächlich leuchteten auf dem Bildschirm zwar die für das Lageempfinden zuständigen Zentren in der Großhirnrinde auf, die für die Muskelkontrolle zuständigen Motorikteile zeigten aber keine nennenswerte Aktivität. Für Henriette Walter ein eindeutiger Beweis, dass die Testpersonen ihre Muskeln in der Hypnose nicht willentlich anspannen, um eine Erstarrung vorzutäuschen.

Der Neuropsychologe John Gruzelier von der Imperial School of Medicine in London konnte nachweisen, dass die zur Trance hinleitenden Formeln - "Ihre Augenlider werden schwer, Sie spüren eine angenehme Müdigkeit" - zu einem tatsächlich veränderten Bewusstseinszustand führen können: In den Arealen der Stirnlappen, die normalerweise das bewusste Verhalten kontrollieren, kommt es zu einer messbaren Entspannung.

Zudem haben Forscher an der Universität Montreal mit einem PET-Gerät beobachten können, dass Testpersonen nach dem Hinübergleiten in die Hypnose trotz geschlossener Augen und ohne dass ihnen irgendeine visuelle Vorstellung suggeriert worden wäre, einen verstärkten Blutzustrom in den normalerweise beim Sehen in Aktion tretenden occipitalen Gehirnlappen hatten. Dieses "innere Sehen" wurde auch bei Meditationstrancen registriert, die zu einem veränderten Bewußtseinszustand führen sollen. Vor kurzem gelang den kanadischen Forschern auch der Nachweis, dass die inneren Bilder die äußere Wirklichkeit vollständig überlagern können: Acht gut hypnotisierbare Probanden erhielten den Befehl, die Hand in heißes Wasser zu tauchen. Dazu wurde jedem eine andere Empfindung, von angenehm kühl bis brennend heiß, suggeriert. Tatsächlich registrierte der Tomograf genau in jenen Bereichen der inneren Großhirnrinde Aktivitäten, die für die jeweils suggerierten Empfindungen zuständig waren.


Wirkung nicht für alle gleich
Freilich ist nicht jeder für die hypnotischen Beschwörungsformeln empfänglich. Studien in verschiedenen Ländern haben gezeigt, dass sich zehn Prozent aller Menschen jeder Suggestion entziehen. Forscher der kanadischen Universität Calgary stellten fest, dass schwer hypnotisierbare Personen Probleme haben, innere Bilder zu gestalten und die Kontrolle aufzugeben. Zehn weitere Prozent, meist Menschen, die im Alltag durch besondere Vorstellungskraft oder Kreativität auffallen, gelten als besonders suggestibel. Bei den restlichen 80 Prozent würde es theoretisch für eine Therapie reichen, meint Giselher Guttmann vom Institut für Psychologie der Universität Wien.

Kinder, noch wohlgeübt in der Kunst der Selbstversenkung, gelten als besonders suggestibel. Bei ihnen versuchen Therapeuten daher immer öfter, die Macht der inneren Filme auf das tägliche Leben zu übertragen. In der Psychotherapie Erwachsener wird Hypnose vor allem bei Phobien erfolgreich angewandt:

Allerdings, so haben etliche Mitte der neunziger Jahre in den USA, England und Australien ruchbar gewordene Fälle gezeigt, kann die hypnotische Beeinflussung des Bewusstseins auch gefährlich werden. Alltägliche Symptome wie Depression, Angst oder Gewichtszunahme, die unter Umständen auch auf sexuellen Missbrauch in der Kindheit hindeuten können, verlockten viele Therapeuten dazu, bei ihren Klientinnen in der Hypnose die Erinnerung an Missbrauchserlebnisse heraufzubeschwören, die - wie die nachfolgende Prozesswelle bewies - sich in Wirkllichkeit nie ereignet hatten.

Nicht zuletzt deshalb wenden sich Hypnose-Spezialisten inzwischen verstärkt auch weniger problematischen Therapiefeldern zu. Das allerdings mit beachtlichem Erfolg: Wer mit dem Rauchen aufhören will, hat eine gute Chance, dass er es mit Hypnose schafft, gibt Hans Karnitschar, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Autogenes Training und Allgemeine Psychotherapie, all jenen Hoffnung, die bis jetzt nicht vom Glimmstengel lassen konnten.


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