Wenn Partner sich auseinander entwickeln
"Als die Kinder groß waren und eins nach dem anderen ausgezogen war, stellten wir plötzlich fest, dass wir einander nichts mehr zu sagen hatten", erinnert Alfred K. sich an die Zeit, als seine Ehe in die Brüche ging. "Meine Frau platzte förmlich vor Aktivität. Sie nahm ein Abonnement in einem Fitnesscenter, lernte Skilanglaufen und fing zu guter Letzt wieder an zu arbeiten. Eine ihrer Freundinnen mit einem Sportgeschäft suchte und fand in ihr eine Geschäftsführerin." Für Alfred K. brach damit die gewohnte Welt zusammen. Hatte bis dahin alles im Haus reibungslos funktioniert, so türmten sich nun die Wäscheberge, blieb der Kühlschrank leer. Wovon er nichts erzählt, ist, dass er schon längere Zeit eine Beziehung zu einer anderen Frau hatte, von der Margot damals allerdings nichts wusste.
Der Mann ihres Lebens
Eine Paarbeziehung muss beiden Partnern die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Wie weit der einzelne in seinen individuellen Entwicklungsbestrebungen gehen darf, dafür hat jede Beziehung einen eigenen Rahmen mit gewissen Vorgaben und Grenzen, auf die sich die Partner bewusst, aber auch unbewusst geeinigt haben. In der Beziehung von Alfred und Margot K. zählte zu den Vorgaben, dass sie ihre Kinder gemeinsam aufziehen würden. Zu den Grenzen zählte, dass Seitensprünge nicht in Ordnung sind. Fazit: Als Alfred gegen diese Grenze verstieß, nützte Margot den Auszug der Kinder, um aus der eintönig gewordenen Beziehung auszubrechen. Kaum überraschend dauerte es nur wenige Monate, bis Margot einen Herrn kennenlernte, den sie als Mann ihres Lebens bezeichnete.
Im Lebenszyklus eines Paares gibt es, abhängig davon, ob Kinder da sind oder nicht, eine Reihe von Lebensphasen, die generell auch bestimmten Altersgruppen zuzuordnen sind. Bei einer Familie mit Kindern wären das folgende Phasen:
- Partnerschaft und/oder Heirat ohne Kinder
- Familie mit Kleinkindern
- Familie mit Kindern im Schulalter
- Familie mit Kindern in der Pubertät und Adoleszenz
- Familie im Ablösungsprozess bis alle Kinder das Elternhaus verlassen haben
- Die Familie in der Lebensmitte nach dem Auszug der Kinder bis zur Pension
- Die Familie im Alter
Bei Familien ohne Kinder entfallen die Phasen 2 bis 5.
Freie Kapazitäten
Jede dieser Phasen bedeutet für den einzelnen Partner, entsprechend den Rollen, die er in der Familie erfüllt, neue Anforderungen an die persönliche Entwicklung. Manche Phasen sind von hohen Bindungsbedürfnissen geprägt, etwa wenn Kleinkinder da sind, in anderen stehen die Autonomiebestrebungen der Familienmitglieder im Vordergrund (Phasen 3 bis 6). Abgesehen von unvorhersehbaren Krisenereignissen, wie Tod im engen Familienkreis oder Arbeitslosigkeit, sind bestimmte Entwicklungsschritte in bestimmten Lebensphasen zu bewältigen.
Eine typische Situation für Paare in Phase 3 wäre, dass der Mann sich in seinem Job fest etabliert hat und mit dem Karrierezug stetig nach oben dampft. Er investiert einen Großteil seiner Kraft und wird durch Erfolg belohnt. Sein Arbeitstag ist lang, die Freizeit knapp. Seine Frau dagegen verfügt dadurch, dass die Kinder nun eine gewisse Selbstständigkeit erlangt haben, seit Jahren erstmals wieder über freie Kapazitäten. Diese würde sie gerne nützen, um den gemeinsamen Bekanntenkreis auszubauen und sich insgesamt stärker nach außen zu orientieren. Die weitere Qualität der Beziehung der beiden wird davon abhängen, ob es gelingt, ihre unterschiedlichen Bedürfnisse auf einen Nenner zu bringen.
Bindung contra Autonomie
Oder Phase 6. Sie zählt zu den größten Hürden, die Paare zu bewältigen haben. Wie gut sie genommen wird, hängt davon ab, ob die Partner den schwierigen Spagat schaffen, sich autonom zu entwickeln und gleichzeitig dennoch aufeinander bezogen bleiben. Die für diese Lebensphase typischen neuen Bekanntschaften verändern die Partner und es kann leicht sein, dass zwischen ihnen plötzlich mehr Trennendes steht als Gemeinsames. Wenn ein Partner sich extrem auf die Verwirklichung seiner eigenen Interessen verlegt, kann der zweite durch die verringerte emotionale Bindung in eine schwere Selbstwertkrise gestürzt werden. Die Emanzipationsschübe gehen meistens von den Frauen aus. Soll die Beziehung funktionstüchtig bleiben, muss der Partner darauf reagieren, indem auch er sich verändert. Manchen Paaren machen solche Entwicklungsanforderungen Angst. Werden sie unterdrückt, so kommt es vor allem bei Frauen vor, dass sie sich in ihre eigene Welt zurückziehen und ihren Partner davon ausschließen.