Rollenbilder im Wandel: Fallgeschichte Oskar und Beate

Oskar F. sorgt sich um seine Ehe: Er arbeitet in der Computerbranche, sein Job ist anspruchsvoll, die Konkurrenz hart. Seit sechs Jahren ist er mit Beate verheiratet. Sie ist sehr hübsch, intelligent und temperamentvoll. Kurz nach der Hochzeit beendete sie ihr Kunstgeschichte-Studium, und wie es sich ergab, fiel ihr die Zuständigkeit für den Haushalt zu. Oskar, der bereits gut verdiente, stellt seither die materiellen Grundlagen für ihr Zusammenleben bereit. Einige Jahre hindurch schien diese Situation beide Partner zufriedenzustellen.

Aber in letzter Zeit häufen sich die Konflikte. Ständig sieht Oskar sich von Beate mit Kritik konfrontiert: Er habe nicht genug Zeit für sie, kümmere sich nicht genug um die gemeinsamen Angelegenheiten. Kürzlich zum Beispiel, als der Elektriker sie von oben herab behandelte. Wäre Oskar dagewesen, so Beates Vorwurf, hätte sich der Mann ganz anders verhalten. "Als ich ihr entgegnete, sie hätte bloß damit drohen müssen, seinen Chef anzurufen, da ist sie total ausgerastet: Ich hätte sie bloß geheiratet, um mir den ganzen Alltagskram vom Hals zu schaffen. Sie habe es satt, mir den Dienstboten abzugeben. Dabei hat niemand sie je gezwungen, Hausfrau zu sein. Im Gegenteil. Wie oft habe ich ihr nicht schon nahegelegt, sich einen Job zu suchen. Es kann ja sein, dass mir etwas passiert, dass bei mir die Dinge beruflich aus irgendeinem Grund nicht mehr so glatt laufen. Aber auch damit habe ich regelmäßig eine Szene provoziert: Ich wolle sie loswerden, weil ich sie nicht mehr liebe, weil ich eine Freundin hätte und so weiter. Dabei liebe ich sie sogar sehr. Trotz all der Szenen freue ich mich immer noch auf den Abend zu Hause mit Beate. Aber ich weiß nicht, wie lange das noch so sein wird."


Die Waffen einer Frau
Wie die Dinge zwischen Oskar und Beate Zurzeit liegen, ist es in der Tat gut möglich, dass er immer weniger Zeit zu Hause verbringen und sie dadurch noch misstrauischer wird. Beates Gefühlslage erklärt sich aus ihrer großen Abhängigkeit von Oskar und daraus, dass sie als intelligente Frau mit der Versorgung eines Zweipersonenhaushaltes klar unterfordert ist. Sie hat vermutlich viel Zeit zu grübeln, was ihre in der Abhängigkeit begründeten Ängste verschlimmert. Gleichzeitig ist ihr Leben ohne beruflichen Druck auch sehr bequem und lässt ihr viel Freiheit zu tun, wonach ihr der Sinn steht.

Tatsächlich führen die beiden ihr Leben, wie Generationen bürgerlicher Paare vor ihnen. Wichtige Voraussetzungen sind noch wie anno dazumal: Die strikte Aufgabenteilung - die im Inneren für das Wohl der Familie sorgende Gattin und der starke, nach außen als Ernährer und Beschützer auftretende Mann - ebenso wie die daraus resultierende Abhängigkeit der Frau. Dem antiquierten Beziehungsmodell entsprechend verhält sich Beate: Sie liefert Szenen.

Noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein hatten Frauen in der Ehe keine gesetzlichen Rechte und waren der Willkür des Gatten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Eine Scheidung bedeutete für eine Frau nicht nur gesellschaftlich das Ende. Mangels Möglichkeiten zur Berufsausbildung gab es für sie, wenn sie nicht über eigenes Vermögen verfügte, kaum Aussichten, sich finanziell durchzubringen. Unter diesen Voraussetzungen entwickelten Frauen ein raffiniertes Arsenal manipulativen Verhaltens, um ihre Position im familiären System zu stärken. Dabei ging es darum, den Mann entweder emotional an sich zu binden und großzügig zu stimmen oder ihn zu erschrecken. Als wirksame Rollen zu diesem Zweck bewährten sich das lockende Weibchen, die verständnisvolle Mutter und die tobende Furie.


Krach als Aphrodisiakum
Das Bild der selbstbewussten, selbstbestimmten Frau wäre für den patriarchalen Familienvater kein passender Konterpart gewesen. Und auch heute, obwohl dieses Bild mittlerweile durchaus lebbar geworden ist, tun Frauen sich schwer, auf ihre dramatischen Waffen von einst zu verzichten. Nicht ohne Grund: Eine emotionsgeladene Szene bringt Erregung und Spannung in den Beziehungsalltag. Die darauf folgende Versöhnung hat die Wirkung eines potenten Aphrodisiakums. Leider aber, wie bei jeder Droge, verflacht die anregende Wirkung mit der Zeit. Nach vielfacher Wiederholung verkommen die Kräche für den Partner zu anstrengendem Mehr vom Selben, dem am besten durch Rückzug zu entkommen ist.

Wie der Fall von Oskar und Beate F. zeigt, erfolgt die Rollenaufteilung in Partnerschaften und Familien zunächst nach rein ökonomischen Gesichtspunkten. Seine besseren Verdienstaussichten werden ebenso genützt wie ihre kulturelle Kompetenz, die ihr hilft, die gemeinsame Freizeit anregend zu gestalten und eine interessante Gesprächspartnerin zu sein. Doch fordert diese Art der Ökonomie von jedem Einzelnen ihren Preis: Der Mann hätte mehr Freizeit, wenn er nicht allein für den Unterhalt sorgen müsste; die Frau aber lebt in einer realitätsfernen Welt und verliert an Lebenstüchtigkeit. Beide sind dadurch wesentlich in ihrer Entwicklung gehemmt. Würde Beate, wie Oskar ihr vorschlägt, sich überwinden und ins Arbeitsleben treten, könnte die Rollendynamik sich zu beider Gunsten verändern.


Teufelskreis
Eine Veränderung würde auch eintreten, wenn Beate ein Kind bekäme. Sie könnte für die Beziehung der beiden zum Besseren aber auch zum Schlechteren sein. Angenommen, Beate hat immer noch keinen Job und steckt nun naturgemäß ihre ganze Energie in das Kind. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Oskar daraus zwei Nachteile erwachsen: Der Leistungsdruck steigt für ihn, da er nun eine dreiköpfige Familie zu versorgen hat, und die Zuwendung, die ihm Beate bisher schenken konnte, nimmt ab. Schon bald nach der Geburt des Kindes könnte er sich ausgeschlossen und überfordert fühlen, sein Verhältnis mit Beate sich entsprechend verschlechtern. In ihr werden so die alten Ängste, ihn zu verlieren wieder wach, und das umso stärker, als sie ihn mit Kind noch viel mehr braucht als zuvor. Zudem hat sie viel von ihrer früheren Beweglichkeit eingebüßt und verbringt nun viel Zeit zu Hause allein mit dem Baby oder damit, den Kinderwagen durch die Parks zu schieben. Sehr bald bekommt sie das Gefühl, die Decke falle ihr auf den Kopf. Wenn Oskar abends heimkommt, muss er damit rechnen, ihre tagsüber angestauten Frustrationen entgegengeschleudert zu bekommen. Ein regelrechter Teufelskreis.


Männliche Fürsorge
Würde Beate jedoch zuerst einen Job annehmen und, wenn sie sich da etabliert hat, schwanger werden, stünden die Zeichen weitaus günstiger. Oskar, der als Freiberufler über zeitliche Flexibilität verfügt, könnte gut ein wenig kürzer treten und als Vater nicht durch Abwesenheit, sondern durch Fürsorge glänzen. Sie wäre weniger an das Haus gebunden und könnte, wenn sie wollte, bald wieder ihre Arbeit aufnehmen. Gemeinsam verdienen beide Partner vermutlich genug, um gute Hilfe bei der Kinderbetreuung oder für den Haushalt zu finanzieren. Falls nötig, könnten zusätzliche Mittel durch vorübergehende Konsumeinschränkung mobilisiert werden.


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