Stress am Arbeitsplatz
Hohe Belastbarkeit" und "zeitliche Flexibilität" sind Anforderungen, die heute im Berufsleben üblich sind und auch erbracht werden, die aber bei Menschen mit familiären Verpflichtungen leicht zur Überforderung führen können.
Der Job liefert vorrangig die materiellen Grundlagen für unser Leben. Liebesbeziehung, Freundschaften, Familie vermitteln soziale Stabilität. Da wir in einer materiell ausgerichteten Zeit leben und mit unserem Einkommen sichtbare Güter kaufen können, wird der unmessbare Gewinn, den wir aus unseren Beziehungen ziehen, vielfach unterschätzt.
Stress kann durchaus eine positive, anregende Wirkung haben, indem er jemanden physisch und psychisch auf Touren bringt und leistungsfähig macht. Doch muss es immer wieder möglich sein, zur Erholung eine gemütlichere Gangart einzulegen. Ein Job, der positiven Stress vereint mit der Möglichkeit zu produktiver Tätigkeit, einem Mindestmaß an Selbständigkeit und Anerkennung, dynamisiert und gibt Kraft für ein erfülltes Privatleben. Wer aber am Arbeitsplatz wenig Erfolg für sich verbuchen kann, dessen Tätigkeit und Tempo überwiegend von anderen bestimmt werden und ständig unter Stress steht, schlittert in ein Energiedefizit, das sich meistens zuerst im familiären Bereich bemerkbar macht. Reizbarkeit, starke Stimmungsschwankungen und die Tendenz, gerade im Augenblick der Entspannung aus nichtigem Grund die Beherrschung zu verlieren, sind Anzeichen chronischer Überlastung. Sie setzen auch einen negativen Feedback-Mechanismus in Gang: Das Privatleben wird schlechter, der Energiepegel sinkt, die Überlastung im Job steigt usw. Negativer Stress versetzt den Organismus in einen ständigen Alarmzustand. Die Folge: über den Hormonhaushalt werden biologische Aggressions- und Fluchtprogramme aktiviert. Sie sind allerdings mit den Anforderungen von Beziehungspflege und Kindererziehung unvereinbar.
Den eigenen Anteil sehen
Vorübergehende Belastungsspitzen im Arbeitsleben sind normal und können von den Menschen der nächsten Umgebung abgefangen und ausgeglichen werden. Nimmt aber die Belastung überhand und führt zu einer dauerhaften Beeinträchtigung von Partnerschaft und Familienleben, sollte schnell gehandelt werden.
Der erste Schritt wäre ein klärendes Gespräch mit dem Chef: Viele Menschen haben die Tendenz, sich immer mehr aufzubürden oder aufbürden zu lassen, weil sie sich durch das Gefühl viel zu leisten oder unentbehrlich zu sein in ihrem Selbstwert bestätigt sehen. Der Umgebung ist in solchen Fällen oft nicht klar, dass der Betreffende sich damit übernimmt. Ein Hinweis, dass sich daran durchaus etwas ändern ließe, sind die von Überlasteten vielfach hörbaren Vorwürfe an ihre Umgebung, wie "Es kümmert sich ja sonst keiner darum!". Auch Diskrepanzen in der Arbeitsverteilung innerhalb eines Teams lassen darauf schließen, dass jemand die Arbeit anzieht, während andere es verstehen, sich davon nicht verschlingen zu lassen.
Supervision
Falls sich auf diesem Weg keine Entlastung herbeiführen lässt, wäre es möglich, im Alleingang konsequent auf eine Reduktion des Arbeitsvolumens hinzuarbeiten. Dabei kann es hilfreich sein, sich daran zu orientieren, wie weniger belastete Kollegen sich ihr Arbeitsleben einrichten.
Während dieses Prozesses ist es wichtig, sein Vorgehen und dessen Auswirkungen mit dem Partner, der Partnerin, Bekannten und Freunden zu besprechen. Das wäre die natürlichste Form der "Supervision". Sie ist im sozialen Miteinander vorgesehen und niemand sollte sich scheuen, seine Probleme mit wohlgesinnten Menschen zu besprechen. Wenn nach zwei- bis dreimonatiger "Entlastungsarbeit" noch keine Verbesserung der Lage eingetreten ist, kann es notwendig werden, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, damit es zu keinem Burnout-Syndrom - früher sagte man dazu Nervenzusammenbruch - kommt.
In manchen Berufen, etwa in Sozialarbeit oder Krankenbetreuung, ist professionelle Supervision unverzichtbar. Wenn trotzdem kein Energiegleichgewicht gefunden werden kann, das engagierte Arbeit und gutes Privatleben vereinbar macht, kann es notwendig werden, einen anderen Tätigkeitsbereich zu suchen. Gerade Personen in Burnout-anfälligen Berufen steht ein ganzes System von Versetzungs- und Umschulungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Aber auch Selbstständige und Angestellte insbesondere des mittleren Managements muten sich oft mehr zu, als sie und ihr Familienleben verkraften können. Der große Erfolgsdruck in diesen Gruppen kann es besonders schwer machen, sich Überlastung einzugestehen, denn diese wird häufig als Versagen oder Niederlage missverstanden. Im Gespräch mit dem Partner oder der Partnerin lässt sich leicht herausfinden, ob einem die Arbeitslast langfristig über den Kopf gewachsen ist. Mit kompetenter Hilfe durch einen therapeutisch geschulten Arzt oder Psychologen ist die Situation meist schnell in den Griff zu bekommen. Lesen Sie hierzu auch Stresssymptome vermindern.
