Stress in Partnerschaft und Sexualität
Frauen und Männer klagen in gleicher Weise darüber, dass die sexuelle Anziehungskraft mit Fortdauer einer Beziehung geringer wird. So schmerzhaft diese Erkenntnis für die meisten Paare auch ist: Es ist kein Kräutlein dagegen gewachsen. Wären Romeo und Julia ein Paar geworden, hätte der Zahn der Zeit auch vor ihrer Liebe nicht halt gemacht. Vermutlich würde heute kein Hahn mehr nach ihnen krähen. Kein Wunder also, dass sexuelle Frustration zur häufigsten Ursache von Beziehungskonflikten zählt.
In der Psychologie ist dieses Phänomen unter dem Begriff Habituation bekannt. Damit ist das Nachlassen der Reaktionsstärke gemeint, die entsteht, wenn ein Reiz ununterbrochen angeboten wird. Wenn Sie zum Beispiel einen Raum betreten, in dem eine Uhr laut tickt, werden Sie das Ticken nur kurze Zeit wahrnehmen. Schon nach wenigen Minuten werden Sie sich daran gewöhnt haben und es wird Ihnen nicht mehr auffallen.
Nicht anders geht es Männern und Frauen in einer länger dauernden Partnerschaft. Der sexuelle Reiz, der vom jeweils anderen ausgeht, stumpft ab. Bald wirkt jede andere Person sexuell anziehender als der Partner oder die eigene Partnerin, mag sie objektiv auch wesentlich unattraktiver sein. Die Spannung, die entsteht, wenn Paare sich trotz fehlender Anziehungskraft zur Treue verpflichtet fühlen, entlädt sich oft in Form von heftigen Aggressionsausbrüchen.
Doch wäre es zu billig, die sexuelle Unlust ausschließlich auf den Gewöhnungseffekt schieben zu wollen. Denn sie macht auch vor jungen Paaren nicht halt. Es ist hier ein weiteres Phänomen im Spiel, dass in der Psychoanalyse als Übertragung bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte aus der frühkindlichen Beziehung zu den Eltern, die in der gegenwärtigen Beziehung auf den Partner übertragen werden. In dem Augenblick, wo der Partner im Unbewussten mit dem Vater oder die Partnerin mit der Mutter gleichgesetzt wird, verflüchtigt sich auf Grund des Inzesttabus mit einem Schlag die sexuelle Leidenschaft. Sie glauben das nicht? Dann denken sich doch gleich einmal an Ihre sexuelle Lieblingsphantasie. Stellen Sie sich aber im nächsten Atemzug vor, wie es wäre, wenn Sie dieselbe Handlung mit Ihrer Mutter bzw. Ihrem Vater erlebten. Merken Sie, was dann mit Ihrer Erregung passiert? Nicht anders ergeht es Paaren, die in ihrer Partnerschaft unbewusst die kindliche Beziehung zu einem Elternteil wiederholen.
Sobald die infantilen Wünsche in einer Partnerschaft die erwachsenen überlagern, nehmen die Konflikte zu. Auch wenn die unmittelbaren Auseinandersetzungen sich häufig ums Geld, die Freizeitgestaltung, die Aufgabenteilung oder um Eifersucht drehen, der wirkliche Grund - die Infantilisierung der Partnerschaft - liegt im Verborgenen und wird meist nicht wahrgenommen.
Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die einander nach vielen Jahren noch leidenschaftlich begehren. Nur Männer, denen es gelingt, in der Mutter die Frau zu sehen und Frauen, die im Vater auch den Mann sehen können, werden der Inzestfalle entrinnen. Auch wenn Ihnen das wie eine starke Vereinfachung vorkommt: Wollen Sie Ihre Beziehung verbessern, setzen Sie als erstes bei der Sexualität an. Sexuell befriedigte Menschen haben nicht nur weniger Konflikte, sie sind auch wesentlich entspannter. Bekanntlich gibt es kein besseres Entspannungsmittel als guten Sex. Wenn Sex Probleme macht, sollte das niemand fatalistisch hinnehmen müssen.
Es empfiehlt sich in längeren Partnerschaften auch, ein zuviel an Nähe zu vermeiden. Symbiotische Partnerschaften ersticken zwangsläufig das sexuelle Begehren bei Mann und Frau. Oft ist es in solchen Beziehungen notwendig, dass die Partner ein wenig auf Distanz gehen, neue Wege im Zusammenleben beschreiten und sich selbst verändern, um einander wieder neu entdecken zu können. Mitunter verhält sich ein Mann in der Sexualität seiner Partnerin gegenüber wie ein Kind, das seines Lieblingsspielzeuges überdrüssig geworden ist. Er "stellt sie in die Ecke" und schaut sie sexuell nicht einmal mehr an. Kaum aber zeigt ein anderes Kind, ein potenzieller Rivale, Interesse für "sein" Spielzeug, wird es/sie, die Partnerin, auch für ihn wieder interessant.
Über die Jagdleidenschaft wird offensichtlich auch wieder seine Aggressivität und Kampflust aufgestachelt, die seine erloschene Lust wieder entfacht. Eine Frau sollte daran denken, dass es paradoxerweise das Begehren Ihres Partners schmälert, wenn er sich ihrer zu sicher ist. Umgekehrt sollten Männer, die merken, dass Ihnen die Liebe Ihrer Partnerin entgleitet, sich weder selbstmitleidig in ihr Schicksal fügen, noch die Frau mit Vorwürfen überhäufen. Ein wehleidiger "Sexualbettler" wirkt alles andere als attraktiv. Eher sollten Sie sich Ihrer positiven männlichen Qualitäten besinnen und das wankelmütige Herz der Partnerin mit selbstbewusster Stärke, phantasievoller Verführungskunst und vor allem mit viel Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen zurück erobern. Denken Sie immer daran, dass Sie mit Vorhaltungen Konflikte nicht lösen, sondern nur noch weiter verschlimmern. Beziehungen, in denen sich die Konflikte häufen, machen Stress. Das kann sich in den unterschiedlichsten Symptomen äußern: zuviel rauchen, zuviel trinken, hektisch essen etc. Sie tun sich körperlich und seelisch etwas Gutes, wenn Sie diese Stresssymptome vermindern.
