Sucht und Abhängigkeit
Noch nie ist es den Menschen in der westlichen Welt materiell so gut gegangen wie in den letzten zwanzig, dreißig Jahren. Niemals zuvor vermochte das Leben dem Durchschnittsbürger so viel Wohlstand - ja sogar Überfluss - zu bieten wie in diesem Zeitraum. Jetzt, so sollte man meinen, müsste eigentlich die glücklichste, zufriedenste Generation aller Zeiten leben. Dem ist aber nicht so. Konsumdiktat, Berufsstress und Zeitmangel haben zu einer Entfremdung der menschlichen Beziehungen geführt. Ängste, Depressionen, Gefühle der Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Isolation sind ebenso im Steigen begriffen wie der Alkohol-, Drogen- und Psychopharmakakonsum. Ist die rapide Zunahme der Süchte in unserer Zeit das Spiegelbild einer immer sterileren, immer synthetischeren, immer gefühlloseren, kälteren, vorwiegend auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft? Wie entsteht Sucht und wie kann man sie behandeln?
Sucht ist Ersatzbefriedigung
Von der Warte der Psychoanalyse aus lässt sich jede Form des Konsums - so auch die Sucht - als Ersatzbefriedigung tiefer liegender, ursprünglicherer Bedürfnisse deuten. Vergleichbar mit anderen Formen der Ersatzbefriedigung etwa durch Nikotin, Alkohol oder Drogen ist auch gesteigertes Konsumverhalten nur eine Ausformung allgemeinen Suchtverhaltens und umgekehrt ist Sucht Konsum in Reinkultur.
Die Psychoanalyse zeigte, dass Wünsche erst im Laufe der menschlichen Entwicklung entstehen. Sigmund Freud skizzierte diesen Vorgang am Beispiel des hungrigen Säuglings, der die Not des Lebens zuerst in Form von Hunger spürt. Ausdruck der durch das innere Bedürfnis entstehenden Erregung ist Schreien oder Zappeln. "Die Situation bleibt aber unverändert", schrieb Freud, "denn die vom inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht einer momentan stoßenden, sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgendeinem Wege, beim Kind durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung eines Befriedigungserlebnisses gemacht wird, die den inneren Reiz aufhebt."
Daraus folgt, dass Wünsche stets das Produkt einer Verknüpfung der von innen kommenden Trieb- oder Bedürfnisspannung mit einem von außen herbeigeführten Befriedigungsvorgang sind. Diesbezüglich unterscheidet sich die Psyche des Menschen grundlegend vom Reflexapparat des instinktgesteuerten Tieres, dessen Spannungsabfuhr an bestimmte, genetisch festgelegte Verhaltensmuster gebunden ist.
Beim Menschen ist der Vorgang, der zur Spannungsabfuhr führt, nicht genetisch verankert. Wenn ein Mensch zum Beispiel sexuell erregt ist, stehen ihm, anders als dem Tier, vielfältige Möglichkeiten der Befriedigung zur Verfügung. Zwar besitzt der Mensch die Fähigkeit, seine Triebspannung von den ursprünglichen Zielen und Objekten auf neue zu verschieben (zu sublimieren), doch drängen die Triebe ihrerseits auf unmittelbare Spannungsabfuhr. Sie suchen nach Möglichkeiten, immer den direktesten, kürzesten Weg zur Beseitigung der Spannung zu gehen. Stünden wir vor der Alternative, zwischen verschiedenen Formen der Triebbefriedigung wählen zu können, würden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit der schnelleren, einfacheren, bequemeren den Vorzug geben.
Wunschlos unglücklich
Dort, wo alles im Überfluss vorhanden ist, wo der Wunschentstehung die unmittelbare Erfüllung folgt, besteht für das menschliche Wesen keine Veranlassung zur Entfaltung von Phantasien, Denkleistungen oder Aktivitäten. Im Gegenteil fördern solche Bedingungen die Passivität, hemmen die Kreativität und erzeugen eine bleibende Abhängigkeit von der wunscherfüllenden Umwelt. Oft bleibt nur wunschloses Unglück.
Darüber hinaus sind die Befriedigungserlebnisse dann, wenn Menschen alles haben können, was sie wollen und wann sie es wollen, auf Grund der fehlenden so genannten Vorlust flach und unzulänglich. Diese Vorlust (oder auch die Vorfreude) ist jene Phase im Befriedigungsvorgang, in der - im sicheren Wissen um die spätere Erfüllung - die Spannung durch Hinauszögern der Triebabfuhr erhöht wird. Je intensiver diese Vorlust ist, desto intensiver wird schließlich der Akt der Entladung selbst erlebt.
Jedes Kind kennt diesen Hergang aus eigenem Erleben: wenn es sich zum Beispiel schon Wochen vor seinem Geburtstag auf die Geschenke freut, die es sich wünscht und die es zu bekommen hofft. Bis der kaum zu erwartende Festtag endlich da ist, hat der kleine Mensch die herbeigesehnten Spielsachen in seinen Träumen bereits unzählige Male gesehen, sich das Glück ausgemalt, das ihn überkommen wird, wenn diese endlich in seinen Besitz gelangt sind. Die dem Befriedigungsakt vorgeschobene Wartezeit und die damit einhergehende Vorlust sind deswegen so bedeutend, weil sie die Phantasietätigkeit des Kindes anregen und die Spannung, die dem nachfolgenden Befriedigungserlebnis vorangeht, erheblich steigern, so dass die Spannungsabfuhr beim Überreichen der Geschenke ungemein intensiviert wird.
Die unerfüllten Wünsche und die daraus erwachsenden Phantasien sind der Motor jeglicher Weiterentwicklung. Nur dann, wenn die Bedürfnisspannung des Menschen durch die ihm zur Verfügung stehenden inneren und äußeren Möglichkeiten nicht herabgesetzt werden kann, muss er aktiv werden, Denkleistungen erbringen und effektive Schritte zur Veränderung seines aktuellen, unlustvollen Zustandes setzen.
So wird ein Kind den Wert (das ist die Reizintensität) eines Spielzeuges, auf das es monatelang warten musste, höher einschätzen als ein anderes, dessen Wünsche von seinen Eltern immer sofort erfüllt werden. Dabei ist zu bemerken, dass die Reizintensität des begehrten Objektes im Empfinden des Kindes mit jeder Wiederholung sinkt. Neue, noch unbekannte Spielsachen erzeugen eine weitaus größere Reizintensität als schon bekannte. Daraus folgt, dass bei verringerter Vorlust immer neuere, immer intensivere Reize geboten werden müssen, um die Entladung (Befriedigung) konstant hoch zu erhalten.
Heute, in einer Zeit, in der Wunscherfüllung sehr rasch herbeigeführt werden kann, wo - überspitzt formuliert - alle alles haben können, wo Überfluss, wenn nicht schon Übersättigung herrscht, müssen die Reize immer intensiver und die Tabugrenzen immer weiter hinausgeschoben werden. Dementsprechend stark ist die Faszination, die von Extremsex, Extremsport, Extremunterhaltung, aber natürlich auch von (Designer-)Drogen ausgeht. Der Erfindungsgeist des Menschen, gepaart mit der unserer Kultur zu Grunde liegenden Wirtschaftswachstumsideologie, führt zur Erzeugung immer neuer Angebote.
Dieser Vorgang kann bis ins Kleinstkindalter zurückverfolgt werden, wo die primäre Lust des Säuglings am Saugen, Lutschen und Beißen von der mütterlichen Brust auf den Plastikschnuller verschoben wird. Im Verlauf der späteren Entwicklung nimmt der "Schnuller" immer neue Gestalt an. Im Erwachsenenalter entsprechen ihm die unterschiedlichsten Konsumgüter - die Drogen für den Süchtigen genauso wie Farbfernseher, Videorecorder und das schnellere Auto für den Normalbürger.
Eines ist allen diesen Formen der Ersatzbefriedigung jedoch gemeinsam: die Triebbedürfnisse werden von lebendigen Objekten - anderen Menschen - auf leblose, materielle abgelenkt. Doch wie schon der Schnuller dem Säugling nicht die Lust zu spenden vermag wie die Brust, sind auch die Konsumgüter für Jugendliche und Erwachsene nur ein unvollständiger Ersatz für den eigentlichen Bedarf. So verspricht jeweils die nächste Zigarette, das nächste Glas Wein, die nächste Droge, das nächst teurere Produkt die Befriedigung, die der Konsum des Vorhergegangenen nicht gehalten hat.
Beziehungslosigkeit, Passivität, Leere, Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Isolation sind die Kehrseite dieser Entwicklung. Depressionen, Süchte und Gewalt die sichtbaren Symptome einer immer materieller orientierten Gesellschaft.
Drogen und Religion
Von jeher besteht zwischen magisch-mystischen religiösen Ritualen - etwa im Schamanismus - und euphorischen, tranceartigen, durch Drogen hervorgerufenen Gemütszuständen ein enger Zusammenhang. Selbst anhand des christlichen Glaubens lässt sich diese enge Beziehung zwischen Religion und Drogen noch nachweisen - wird doch während der Eucharistie Wein und nicht Wasser in das Blut Christi verwandelt.
Bestimmte Drogen scheinen geradezu prädestiniert, transzendentale Seinserfahrungen hervorzurufen und den Suchenden das Tor zu einer "anderen Welt" zu öffnen, die über die uns bekannte weit hinausgehen soll. Wie es scheint, liegt dem Wunsch nach Bewusstseinserweiterung durch Drogeneinnahme und dem Verlangen nach religiösen, mystischen Erfahrungen dasselbe Motiv zugrunde - die Sehnsucht des Menschen nach Transzendenz.
Lange Zeit war es den etablierten Religionen vorbehalten, diese Sehnsucht zu stillen.
Der Niedergang der Religionen in der westlichen Welt musste ganz einfach Auswirkungen auf die Psyche des Menschen zeitigen. Solange hatten sie ihm wenn auch in Gestalt einer "notwendigen Lebenslüge" - Trost und Hoffnung gespendet. Und plötzlich stellte sich die Daseinsfrage aufs Neue: Wozu leben wir, wozu sterben wir?
Es ist das existentielle Dilemma des Menschen, dass er als einziges Lebewesen um seine Sterblichkeit weiß, sich nach Unsterblichkeit sehnt, seinem sterblichen Schicksal aber trotzdem nicht entrinnen kann. Da es keine Möglichkeit gibt, diesen menschlichen Urkonflikt zu lösen, bleibt für viele schließlich nur der Weg in die Verdrängung, die Flucht ins Wunschdenken oder in die Betäubung. Solange die großen Weltreligionen in der Lage waren, für die Massen dem Tod seinen Stachel zu nehmen, konnten sie den verzweifelt Suchenden zumindest noch ein wenig Trost spenden. Jetzt, wo der wissenschaftliche Fortschritt unseres Jahrhunderts die Schwachstellen der religiösen Heilslehren schonungslos offenbart hat, muss das wirkungslos gewordene Opium "Religion", das dem Menschen angesichts seines unlösbaren existentiellen Konfliktes doch auch gute Dienste geleistet hat, durch andere Betäubungsmittel ersetzt werden.
Illegale Drogen
Auf der Suche nach Bewusstseinserweiterung und neuen Existenzformen entdeckte die Jugend in den späten Sechszigerjahren die bewusstseinsverändernden Qualitäten verschiedener, bis dahin nicht sehr verbreiteter Rauschmittel wie Marihuana, LSD, Kokain und die bei weitem am gefährlichsten Opiate. Ausgehend von den Vereinigten Staaten wurde die gesamte westliche Welt damals von der ersten großen Drogenwelle überrollt. Zur Zeit der 68-er-Bewegung gehörten die auf einem Trip nach "Bewusstseinserweiterung" Suchenden noch der damaligen Subkultur an. Der Konsum tabuisierter Rauschgifte war wohl die kompromissloseste Form, der Leistungsgesellschaft die kalte Schulter zu zeigen. Viele, die damals mit Hilfe von Drogen nicht nur veränderte Bewusstseinszustände, sondern ebenso den Ausstieg aus der verachteten, verhassten Konsumwelt suchten, traten diesen Trip ohne Rückfahrkarte an und wurden süchtig. Warum gerade der Konsum illegaler Drogen anders zu bewerten sein sollte als jeder andere Konsum, warum ersterer Ausdruck des engagierten Protestes, letzterer Sinnbild für seichte Spießbürgerlichkeit sein sollte, wurde nie ganz einsichtig. Jetzt, wo die Blumenkinder längst verblüht sind und es nicht mehr um künstlich herbeigeführte, ideologisch oder religiös verbrämte "Bewusstseinserweiterung" geht, sondern nur mehr um unfreie Flucht aus der Realität in die Betäubung, haben sich auch die Drogen geändert. Halbsynthetische Stoffe wie Heroin statt Opium und synthetischer Koks statt Kokain avancierten, der intensiveren Wirkung wegen, zu absoluten "Bestsellern" in der Szene und sprengten alle bisherigen Umsatzrekorde. So wurde in der Phase des gesellschaftlichen Aufbruchs und der Veränderung leider auch der Grundstein für eine Problematik gelegt, die weltweit bis zum heutigen Tag nicht bewältigt werden konnte.
Denn bisher ist es in keinem einzigen Land der Welt gelungen, die Zahl der Drogensüchtigen zu senken. Weder eine rigorose Verbotspolitik noch der Ausbau entsprechender Therapieeinrichtungen zeigten im Kampf gegen Alkohol und Drogen den gewünschten Erfolg. Trotz intensivster Kampfmaßnahmen, Behandlung, Aufklärung und Antipropaganda wurden die Einsteiger immer jünger, die Drogen immer härter und die Beschaffungsdelikte immer brutaler.
Wie Sucht entsteht
Neurobiologisches Suchtmodell
Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass Suchterkrankungen zu Veränderungen im Gehirn und daraus resultierenden Verhaltensveränderungen führen. Die Veränderungen im Gehirn beziehen sich vor allem auf Veränderungen im mesolimbischen Bereich, wo es nach dem Konsum einer Substanz zu einer Freisetzung von Dopamin kommt, einem der zahlreichen Botenstoffe, die die menschliche Hirnaktivität steuern. Diese Freisetzung von Dopamin vermittelt letztlich das angenehme Gefühl nach dem Konsum der jeweiligen Substanz. Dieser Mechanismus entsteht völlig unabhängig davon, ob eine Person Nikotin konsumiert, weil sie nikotinabhängig ist, oder Heroin, weil sie heroinabhängig ist. Es gibt eine gemeinsame Endstrecke; sogar nach Schokoladenkonsum kommt es zu einer Dopaminfreisetzung im mesolimbischen System. Dopamin dürfte auch eine große Rolle hinsichtlich des "Suchtgedächtnisses" spielen.
Bei Opiaten (etwa Heroin) erklärt sich die biologische Suchtentwicklung folgendermaßen: Die körpereigene Produktion von Endorphinen, das sind opiatähnliche Stoffe, die bei Stress und Schmerz reflexartig ausgeschüttet werden, wird durch die Zufuhr auch nur geringer Mengen von außen reduziert. Darauf stellt sich das biologische System relativ schnell ein.
Während Opiate sowohl euphorisieren als auch beruhigen, ja sogar betäuben können, wirkt Kokain dagegen nur stimulierend - eine Droge, wie sie unserem hochtourigen Leistungs- und Freizeitstress maßgeschneidert scheint. Sie beflügelt dazu, körperlich und geistig mehr zu leisten, als es der natürlichen Konstitution entspricht. Kein Wunder, dass heute nicht nur die "Punker", sondern auch die "Banker" so gerne nach dieser Droge greifen.
Ebenso maßgeschneidert sind synthetische "Designerdrogen", zum Beispiel "Crack", die durch ihre hohe Wirksamkeit dem Konsumenten über kardiale Dekompensation (Herzversagen) zu einem schnellen Ticket ins Jenseits verhelfen können.
Zwar bestimmen die dem Organismus zugeführten Stoffe bis zu einem gewissen Grad den Suchtverlauf, die Ursachen für süchtiges Verhalten liegen aber woanders. Nicht die Droge sucht den Menschen, sondern der Mensch sucht die Droge. Die Ansicht, Abhängigkeit entstünde durch Leichtsinn oder Verführung, ist weit verbreitet. Einmal Droge, immer Droge. Diese Schlussfolgerung trifft, wenn überhaupt, nicht auf jede Droge und sicher nicht auf jeden Menschen zu. Erst das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, individueller, sozialer, kultureller, führen in Wechselwirkung mit der toxischen Qualität der Droge zum Vollbild der Sucht. Nur dort, wo eine defizitäre Persönlichkeitsentwicklung vorliegt, kann die suchterzeugende Wirkung der Droge zur vollen Entfaltung kommen.
Psychodynamische Hintergründe der Sucht
Nicht jeder, der gelegentlich Drogen konsumiert, wird abhängig. Warum? Die Antwort findet sich in der Psychoanalyse: weil "Abhängige" niemals wirklich unabhängig waren. Sie konnten ihre Abhängigkeit von den versorgenden Bezugspersonen der frühesten Kindheit niemals lösen, sondern haben sie nur verschoben. Um Selbstständigkeit zu erreichen, muss der Mensch in einem kontinuierlichen Ablösungsprozess nach und nach jene Überlebensfähigkeiten ausbilden, deren Fehlen ihn vorher abhängig sein ließen. Verschiedenste Einflüsse können diese Entwicklung bremsen, vorzeitig zum Stillstand bringen oder auf eine frühere Stufe zurückwerfen.
So geht dem süchtigen Verhalten in den meisten Fällen eine bis in die frühste Kindheit zurückreichende Fehlentwicklung voraus. Generell kann jede Sucht als Folge einer konflikthaft verlaufenen, infantilen Entwicklung verstanden werden.
Wie jeder Neurotiker versucht auch der Süchtige, Triebwünsche und Über-Ich-Anforderungen gleichzeitig zu befriedigen. Suchtmittel scheinen hierfür besonders prädestiniert, da sie einerseits triebhaften Tendenzen zum Durchbruch verhelfen, indem sie Angst, Hemmungen, Unsicherheiten, Spannungen, Frustrationen und depressive Verstimmungen kurzfristig beseitigen, gleichzeitig aber auch unbewusst wirksamen Schuldgefühlen und Selbstbestrafungswünschen Rechnung tragen. Auf diese Weise werden Triebwünsche und die aus den Schuldgefühlen erwachsenden, selbstaggressiven Neigungen in der süchtigen Handlung gleichermaßen befriedigt und ermöglichen so eine scheinbare Lösung des zugrundeliegenden neurotischen Konfliktes.
Dieser Konflikt hat seine Wurzeln in der frühen Kindheit und bewirkt die Fixierung vorwiegend oraler Befriedigungsmuster weit über den normalen Entwicklungszeitraum hinaus. Auf der Stufe der oralen Triebentwicklung ist das menschliche Individuum noch nicht in der Lage, Bedürfnisse aufzuschieben oder Spannungen längerfristig zu ertragen. Auftauchende Spannungszustände, etwa in Form von Hunger oder Sehnsucht nach Körperkontakt, Wärme und Geborgenheit, verlangen nach sofortiger Beseitigung durch die versorgenden Bezugspersonen.
Es ist die Aufgabe der Erziehung, das Kind nach und nach im Laufe seiner Entwicklung dahingehend zu gewöhnen, dass es Lustaufschub zu ertragen lernt. Intensive schmerzliche Erlebnisse (Versagungen, Trennungen), übermäßige Verwöhnung oder ein ständiger Wechsel von beidem können das Kind auf seinem Weg in die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit schwer behindern.
Vor allem eine hohe Widersprüchlichkeit und Diskontinuität in den frühesten Erlebnissen - abrupte Wechsel von Phasen der Zuwendung und Ablehnung, häufiger Wechsel der Bezugspersonen - führen zu einer Spaltung der inneren und äußeren Welt des Kindes in "gute" (Befriedigung, Sicherheit, Wohlbehagen) und "böse" Objekte (Entbehrung, Hilflosigkeit, Einsamkeit, Leere), die vom unentwickelten Ich des Kindes noch nicht verarbeitet werden können. Die Mutter, die anwesend ist, die auf die körperlichen und emotionellen Bedürfnisse des Kindes mit Einfühlungsvermögen reagiert und diese befriedigt, ist das "gute" Objekt, das beim Kind positive Affekte (Geborgenheit, Hochgefühl) hervorruft. Die nicht anwesende, versagende Mutter wird zum "bösen" Objekt. Ihm gegenüber wird der kleine Mensch ohnmächtigen, hilflosen Hass und Zerstörungswünsche entwickeln.
Dieser Spaltungsvorgang im frühen Lebensalter führt zu einer erheblichen Schwächung des kindlichen Ichs, seiner verarbeitenden Funktionen und seiner Fähigkeit, Konflikte zu bewältigen. Diese Ich-Schwäche äußert sich später in mangelnder Selbstkontrolle, in der Unfähigkeit, Triebaufschub zu leisten, zu sublimieren, Spannungen und Frustration zu ertragen sowie in der Unfähigkeit, Beruhigung ohne Einnahme äußerer Hilfsmittel herbeizuführen - Eigenschaften, die sich nahezu bei allen Süchtigen nachweisen lassen.
Im realen Verhalten äußern sich diese früh erworbenen inneren Defizite im Unvermögen, warten zu können, in ungemein heftigen, zumeist aggressiv gefärbten Affektausbrüchen als Reaktion auf Versagungen, in erhöhter Selbstbezogenheit und Egozentrik. Es versteht sich, dass die Beziehungsfähigkeit dieser Menschen als Folge ihrer frühkindlichen Störung ebenfalls stark beeinträchtigt ist. Im Grunde sind sie außer Stande, erfüllende, tiefgehende Partnerschaften oder gefühlsmäßige Abhängigkeiten einzugehen. Dementsprechend einseitig gestalten sich auch ihre Beziehungen. Wie einst in den ersten Lebensjahren befindet sich der eine immer in der Rolle des bedürftigen, fordernden, auf äußere Unterstützung angewiesenen, hilflosen Säuglings, während der andere als stellvertretender Ersatz für die verlorengegangenen Bezugspersonen der frühsten Kindheit deren ursprüngliche Funktionen übernehmen soll: zu versorgen, zu schützen, zu wärmen, zu beruhigen, immer verfügbar zu sein und - wenn nötig - für Anregung und Unterhaltung zu sorgen. So wird der Partner des Süchtigen selbst zur "Droge" gemacht, die schmerzhafte Gefühle der inneren Leere, der Sinn-, Wert- und Leblosigkeit, an denen der Süchtige leidet, wenigstens eine Zeit lang lindern soll.
Das Suchtmittel ist "der Schnuller" des erwachsenen Säuglings. Doch wie einst der Schnuller in der frühen Kindheit nicht einmal annähernd eine so allumfassende Befriedigung wie die Brust spenden konnte, sind auch die Drogen nur ein unzureichender Ersatz für die eigentlichen Bedürfnisse des dahin siechenden, "suchenden" Süchtigen.
Daher wird die Droge zwangsläufig nur denjenigen stimulieren oder beruhigen, mit Ersatz-Wärme, Ersatz-Sicherheit, Ersatz-Geborgenheit und Ersatz-Größe ausstatten, dessen Hunger nach den Urbedürfnissen ungestillt geblieben ist. Das gilt für Alkohol genauso wie für Heroin oder Koks.
Solche defizitären Persönlichkeitsentwicklungen haben in unserem Kulturkreis alarmierend zugenommen und motivieren viele junge Menschen zum Drogenkonsum. Warum? Weil Suchtmittel dem Konsumenten nicht nur auf direktem Weg Lust spenden können, sondern aufgrund ihrer besonderen Eigenschaft, die Psyche zu verändern, auch dann Erleichterung verschaffen, wenn ungelöste psychische Konflikte Ursache für das gestörte seelische Gleichgewicht sind. Darüber hinaus vermögen die meisten der bei uns gebräuchlichen Rauschmittel, wenn auch nur für wenige Stunden, Persönlichkeitsdefizite auszugleichen und dadurch die Psyche vorübergehend zu entlasten.
So ist zum Beispiel der Genuss des durchblutungsfördernden, wärmenden, spannungslösenden Alkohols für viele an sich schon ein Vergnügen. Seine enthemmende Wirkung kann jedoch zusätzlich - etwa bei schüchternen Menschen - zu einer vorübergehenden Zunahme der psychischen und sozialen Fähigkeiten und damit zu einer spürbaren Entlastung führen. Man denke nur an den gehemmten jungen Mann, der in der Disko erst dann Mädchen anzusprechen wagt, wenn er sich "einen hinter die Binde gegossen hat".
Im Gegensatz dazu werden Menschen, die über ausreichende innere und äußere Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung und Spannungsabfuhr verfügen, kaum jemals Gefahr laufen, Süchte zu entwickeln. Suchtentstehung und Suchtverlauf hängen demnach nicht nur von der spezifischen Wirkungsqualität des Stoffes, sondern selbstverständlich auch von der Persönlichkeitsstruktur der Konsumenten, der Triebentfaltung, den daraus erwachsenden Bedürfnissen, sowie den im nüchternen Zustand gegebenen Befriedigungsmöglichkeiten ab.
Mengenmodell zur Erklärung von Suchtkrankheiten (nach Hoffmann)
Wie die Psychoanalyse zeigt, lassen sich alle unsere Bedürfnisse, so vielfältig sie auch scheinen mögen, letztlich auf zwei Arten von untrennbaren Grundantrieben zurückführen: die Selbsterhaltungstriebe und die Sexualtriebe.
Die Selbsterhaltungstriebe sind für unser Streben nach Sicherheit, Geborgenheit, aber natürlich auch für unseren Selbstschutz verantwortlich und sind in enger Verbindung mit der Aggressionsentfaltung zu sehen. Sie helfen uns aber auch, die Dinge im Licht der Realität zu sehen: Bedürfnisbefriedigung wird nur dort zugelassen, wo dem Einzelnen aus dieser Befriedigung in der Realität keine Gefahr erwächst.
Die Sexualtriebe hingegen streben nach Lust und Befriedigung in allen Lebenslagen. Sie gehorchen dem Lustprinzip, dessen Grundsatz es ist, Lust zu schöpfen und Unlust zu vermeiden.
Vereinfacht ausgedrückt schränken die Selbsterhaltungstriebe unser ursprünglich zügelloses Verlangen nach unmittelbarer Lust ein und drängen danach, es der äußeren Realität anzupassen. Sie schaffen die Voraussetzung für die Fähigkeit, Lust aufzuschieben oder gänzlich auf sie zu verzichten, sofern es die gegebenen Umstände erfordern. Die Möglichkeit zur Triebbefriedigung hängt daher nicht nur von den äußeren Verhältnissen ab, sondern auch vom Wechselspiel der psychischen Kräfte. Besteht zwischen den nach Befriedigung drängenden Triebwünschen und unserem Drang nach Selbsterhaltung ein ausgeglichenes Verhältnis, so wird der Triebbefriedigung genauso Rechnung getragen wie unserem Sicherheitsstreben.
Die Menge der Bedürfnisse entspricht dann der Menge der Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung, woraus emotionales Gleichgewicht resultiert.
Nehmen allerdings auf Grund der Lebensgeschichte die nach Sicherheit strebenden Tendenzen überhand und verhindern Triebbefriedigung auch dort, wo in der äußeren Realität keine Bedrohung für das Individuum mit ihr verbunden ist, verursachen sie eine kontinuierliche Zunahme der inneren Spannung. In diesem Fall ist die Menge der Möglichkeiten, die dem Individuum zur Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung stehen, geringer als die Menge der Bedürfnisse selbst. Das Individuum befindet sich dann in einem Zustand des emotionalen Ungleichgewichtes.
Nun vermögen Drogen auf Grund ihrer spezifischen Wirkung das psychische Kräftegleichgewicht zu verändern. Alkohol zum Beispiel enthemmt, indem er das Gewissen "auflöst". Kokain putscht auf und stimuliert. Opiate hingegen wirken wie ein unsichtbarer Reizschutz. Sie bauen Angst ab und euphorisieren. Abhängig von der Persönlichkeitsstruktur werden jene Drogen "gesucht", die für die Dauer ihrer Wirkung die Möglichkeit zur Bedürfnisbefriedigung erweitern. Je nachdem werden es einmal eher dämpfende, das andere Mal eher enthemmende, stimulierende, fast immer aber euphorisierende Substanzen sein, zu denen der Betroffene greift.
Das emotionale Gleichgewicht resultiert dann aus der Menge der Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung plus der spezifischen Drogenwirkung.
Behandlung von Suchtkrankheiten
Die Behandlung von Suchtkranken ist nach wie vor weitgehend vom Ziel einer "Einmal-Intervention" und der darauf folgenden Heilung geprägt. Dieses Bild ist insofern problematisch, als es sich bei der Suchterkrankung (und zwar bei allen Suchterkrankungen, unabhängig davon, ob diese an eine Substanz gebunden sind oder nicht) um eine chronische Erkrankung handelt. Bildhaft ausgedrückt, stellt eine Suchtkrankheit nicht eine akute Erkrankung, wie etwa eine Infektion dar, sondern eine chronische, vergleichbar mit Diabetes: So geht es in der Therapie in den meisten Fällen nicht um die Heilung, sondern um das bestmögliche Management der Störung. Patienten kommen sich oft als Versager vor, wenn sie es "nicht schaffen", von der jeweiligen Substanz loszukommen. Voraussetzung für eine Stabilisierung ist auf der Verhaltensebene eine anhaltende Änderungsmotivation, was wiederum der Behandlung der Zuckerkrankheit ähnelt (die Diätvorschriften der Diabetestherapie betreffen ebenfalls die Verhaltensebene). Zur Unterstützung ist eine medikamentöse Stabilisierung wesentlich.