Unterschiedliche Lebensstile: Fallgeschichte Andrea und Rolf
Rolf ist der Typ des gesetzten Beamten, diszipliniert und perfekt organisiert. Sie ist leichtlebig, etwas chaotisch und bewegt sich mühelos und spontan zwischen Phasen erholsamer Faulheit und anregenden Aktivitätschüben. Was die beiden aneinander faszinierte, war genau das, was jedem von ihnen fehlte. Wie kam es, dass letzten Endes nur noch die Scheidung als Ausweg möglich schien?
Gerade drei Monate waren Andrea und Rolf K. verheiratet, als es den ersten schlimmen Streit zwischen ihnen gab: Andrea verbrachte den Samstagmorgen wie gewohnt im Bett. Von einem Mal zum anderen freute sie sich auf diese Stunden ziellosen Faulenzens und Schmökerns in ihrem Nest aus Kissen und Federbetten, das sie nur verließ, um sich duftenden Kaffeenachschub zu holen. Ihr Mann war, wie jeden Tag, früh aufgestanden, hatte bereits seinen Morgenlauf absolviert, geduscht und gefrühstückt. Als Andrea zum ersten Mal im Morgenmantel in der Küche erschien, war er schon auf der letzten Seite der Samstagszeitung angelangt. Obwohl er inzwischen hinreichend Gelegenheit gehabt hatte, ihre Gewohnheiten kennenzulernen, hoffte er auch diesmal, dass sie sich jetzt zu ihm an den Tisch setzen, frühstücken und dann bereit sein würde, mit ihm gemeinsam den Tag zu verbringen - einen Ausflug ins Grüne zu unternehmen oder seine Mutter zum Mittagessen abzuholen. Statt dessen hatte Andrea für ihn nur einen kurzen Gruß, einen flüchtigen Kuss, machte mit ihrer gefüllten Tasse kehrt und begab sich unverzüglich zurück in die warmen Federn.
Als sie schließlich auf und bereit war, etwas zu unternehmen, fand sie auf dem Küchentisch eine kurze Notiz: "Bin bei Mama. Komme abends wieder." Was sollte sie nun mit dem angerissenen Tag anfangen? Ihre Freundin hat eine Idee: "Da läuft doch dieses Jazzfestival. Mit dem Auto sind wir in einer Stunde dort." Wenig später sind die beiden unterwegs. Übermütig lachend, die Musik auf voller Lautstärke, Schiebedach und Fenster weit geöffnet, lassen sie sich vom Fahrtwind umbrausen. Andrea fühlt sich glücklich wie schon lange nicht mehr. Nach einem ausgelassenen Tag , wo sie mit Gleichgesinnten in die Musik eintaucht, tanzt und auch einiges trinkt, kehrt sie spät abends nach Hause zurück.
Die ungenützte Chance
Angesichts des vorwurfsvoll wartenden Gatten überfallen sie Schuldgefühle. Aus der Defensive greift sie an: "Glaubst du, ich habe nichts Besseres zu tun als mit dir und deiner Mutter in irgendwelchen langweiligen Restaurants herumzusitzen?" Ein Wort gibt das andere, und plötzlich nehmen die beiden erstaunt wahr, dass sie einander wie die schlimmsten Feinde, erfüllt von kaltem Hass, gegenüberstehen. Spätestens jetzt wäre der Augenblick gekommen, über die Grundlagen der Beziehung nachzudenken. Doch lassen beide die Chance ungenützt verstreichen.
Rolf ist zwölf Jahre älter als Andrea. Als er sie kennen lernte, arbeiteten sie im selben Amt: Er in gehobener Stellung, sie als junge Sekretärin, aus allen Poren Lebenslust versprühend. Er war wie gebannt von ihrem Schwung, sie beeindruckt von seinem Auftreten und seiner Position.
Ein Jahr nach der Heirat beginnt Rolf, auf ein Kind zu drängen. Im Stillen hofft er, sie würde dadurch häuslicher und disziplinierter werden. Andrea ist gar nicht nach einem Kind zumute. Doch kommen nun auch bei allen möglichen Anlässen Anspielungen in diese Richtung von Verwandten beider Seiten. Noch ein Jahr später, Andrea ist jetzt 24, ist dann ein Kind unterwegs. Dadurch ändert sich aber nichts an der grundlegenden Diskrepanz zwischen den Partnern: Rolf ist der Typ des gesetzten Beamten, diszipliniert und perfekt organisiert. Sie ist leichtlebig, etwas chaotisch und bewegt sich mühelos und spontan zwischen Phasen erholsamer Faulheit und anregenden Aktivitätschüben. Was die beiden aneinander faszinierte, war genau das, was jedem von ihnen fehlte. Das Kind trug dazu bei, die Unterschiede zu verschärfen, denn Rolf, der sich nun in der Rolle des Familienernährers sah, fand, Andrea sei als Mutter für die Betreuung zuständig. Dabei fühlte sich Andrea, die weiterhin berufstätig blieb, aufgrund ihrer Schwierigkeiten mit Planung und Zeiteinteilung durch die Doppelbelastung überfordert.
Die beiden hatten versäumt rechtzeitig herauszufinden, ob und wie Kompromisse zwischen ihren beiden Lebensstilen zu erzielen wären. Nach zehn Ehejahren und einem ultimativen Krach blieb ihnen als Lösung nur mehr die Scheidung.